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Presse-Archiv
Wiesbadener
Tagblatt vom
04.11.2006
Von
Shirin Sojitrawalla
Der zornige Blick zurück in die 50er
Wartburg:
Schauspielschule mit Osborne-Stück
 Schauspiel-Szene mit
Bülent Özdil und Anna Lena Habeck.
Foto: Schauspielschule
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WIESBADEN " Blick
zurück im Zorn" von John Osborne gehört zu jenen Theaterstücken aus den
50er Jahren, denen beim Lesen zuweilen ein etwas modriger Geruch entfährt. Sein
Protagonist Jimmy Porter, ein aus der Arbeiterklasse stammender zorniger junger
Mann, rebelliert gegen jeden und alles, aber am Ende doch nur gegen sein
eigenes kleines Leben. Im SPD-Jargon: ein Mensch in Problemlage. Aber nicht nur
das macht das Stück aktuell. Die Wiesbadener Schule für Schauspiel hat sich den
Osborne-Klassiker vorgenommen und unter der Regie von Martin Plass mit Bedacht
umgesetzt.
In der Wartburg zeigen die
vier jungen Schauspieler beachtliches Format, allen voran Bülent Özdil, der es
bestens versteht, sich in den furiosen wie sprachlich brillanten Wutausbrüchen
verbal auszutoben. Aber auch Anna Lena Habeck in der Rolle seiner Ehefrau
Alison überzeugt mit ihrem verletzlichen Puppengesicht
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Eckard Burk hat die Bühne
spärlich eingerichtet: Zwei Sessel, Couchtisch, Esstisch mit Stühlen, im
Hintergrund eine improvisierte Küche, eine Kommode mit Süßigkeiten, schließlich
verdient Jimmy seinen Lebensunterhalt als Bonbonverkäufer. Dahinter steht zu
Anfang Alison am Bügelbrett, und das FftFft-Geräusch der Wassersprühflasche
klingt wie ein letzter Versuch, die erhitzte Atmosphäre doch noch abzukühlen.
Später wird ihre Freundin Helena Charles diesen Platz eingenommen haben und mit
denselben routinierten Bewegungen ihre Hausfrauenrolle ausführen. Julia Mann
spielt sie als zickig spitze Person. Der einzige, der einigermaßen unbeschädigt
aus dem Stück herauskommt, ist Cliff. Christian Schwarz gibt ihn als gutmütigen
Zeitgenossen, der gerne auf einen Harmonieknopf drücken würde, wenn es ihn denn
bloß gäbe.
Derweil provoziert Jimmy
die Menschen, die ihn umgeben, bis aufs Blut. Ruhelos ist er, der so gerne
quält, weil ihm selbst sein Dasein als einzige Qual erscheint. Martin Plass
kann sich dabei nicht nur auf seine Schauspieler verlassen, sondern vor allem
auch auf einen Text, der die verbalen Eskapaden seines Hauptdarstellers
grandios einfängt.
Weitere Vorstellungen am 4.
und 5. 11., 20 Uhr in der Wartburg, sowie vom 22. bis zum 25. Februar 2007 im
Bürgersaal des Georg-Buch-Hauses.
Wiesbadener Tagblatt vom
31.10.2006 von Marianne Kreikenbom
Der Einzelunterricht ist bundesweit einmalig Wiesbadens
Schule für Schauspiel mit Prädikatsabschluss /Umzug vom Freudenberg ins
Georg-Buch-Haus?
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Schauspielschüler traten
mit dem selbst inszenierten Stück " Helle Nacht" in der
Kreativwerkstatt auf dem Schlachthofgelände auf.
Foto: wita/Uwe Stotz
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Die heutige Wiesbadener
Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der
Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet
seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem
Ziel der Bühnenreife.
Seit zwei Jahren heißt die
ehemalige Schauspielschule Genzmer schlicht und einfach nur noch Wiesbadener
Schule für Schauspiel und wird von Dr. Verena Plümer und Martin Plass geleitet.
"
Wir haben damals die Gelegenheit genutzt, nicht nur alles etwas zu
entstauben, ein neues Konzept zu entwickeln und den Lehrplan zu erweitern,
sondern auch um uns von einem Personennamen zu trennen." Dass manche aus
alter Gewohnheit immer noch " Genzmer-Schule" sagen - c´est la vie.
Ohnehin haben die
Wiesbadener von " ihrer" Schauspielschule in der Vergangenheit nur
wenig Notiz genommen. Aber auch das soll sich in Zukunft ändern. Ein Anfang ist
längst gemacht mit Internetauftritt und Newsletter (www.
schauspielschule-wiesbaden. de), regelmäßigen Aufführungen eigener
Theaterproduktionen und Auftritten bei Veranstaltungen der Stadt.
Vor allem die
Zusammenarbeit mit dem Wiesbadener Staatstheater fördere die öffentliche
Wahrnehmung, meint Plass. " Deshalb freuen wir uns, dass wir auch in diesem
Jahr wieder an drei Spielterminen mit einer unserer Inszenierungen in der
Wartburg gastieren dürfen." Gemeint ist John Osbornes Stück " Blick
zurück im Zorn" .
Martin Plass kennt noch die
frühere Adresse der Schauspielschule im Hinterhof der Adolfsallee 35. Dort war
der gebürtige Wiesbadener von 1984 bis 1987 selbst einmal Schüler. " Ohne
die Schauspielausbildung hätte ich nie erfahren, was ich kann." Nach dem
Abschluss folgten Stückverträge in Mainz, Darmstadt und Frankfurt, Sprecherjobs
und ab 1998 die Tätigkeit als Dozent an der Schauspielschule in Wiesbaden.
Martin Plass arbeitet bis heute freiberuflich.
Verena Plümer studierte
Germanistik in Dortmund und verbrachte nebenbei ihre freie Zeit als
"
Mädchen für alles" an den Städtischen Bühnen, wo sie nach dem
Studium zur Regieassistentin ausgebildet wurde und von Oberspielleiterin
Annegret Ritzel außerdem einen Schauspielvertrag erhielt. Sie war in
verschiedenen Städten als Schauspielerin und Regisseurin engagiert, kam
schließlich nach Wiesbaden ans Theater und 1997 als Dozentin an die
Schauspielschule. Deren Leitung übernahm sie 2004 und holte Martin Plass mit ins
Boot.
Schon 1999 hatte die Schule
ein paar Räume im umgebauten ehemaligen amerikanischen Militärkasino auf dem
Freudenberg bezogen. Keine Dauerlösung, wie sich inzwischen herausstellte. Der
Platz ist knapp geworden, etwa für den Einzelunterricht, auf den man in
Wiesbaden stolz ist, weil es so etwas bundesweit an keiner anderen
Schauspielschule mehr gibt. Der kleine Saal für die Vorstellungen
gehört zur Hälfte " arcor" -Erlebnispädagogik und wird durch eine
hellhörige Schiebewand geteilt. " Die Erweiterung unseres Stundenplans hat
die Situation weiter verschärft" , erklärt Plass. Trotz eines Anstiegs der
Bewerber ist wegen fehlender Raumkapazität an eine Vergrößerung der Schülerzahl
nicht zu denken.
Allerdings scheint Hilfe in
Sicht. Das seit zehn Jahren leer stehende städtische Georg-Buch-Haus in der
Wellritzstraße ist als neues Quartier im Gespräch. " Es gibt positive
Signale."
Der Ortsbeirat Westend habe den Magistrat aufgefordert, über die
Vergabe zu entscheiden. Von einem " magischen Moment" , da alle
Beteiligten zufrieden wären, spricht Plass.
Im Mai 2001 erhielt
Wiesbadens Schauspielschule ihre staatliche Anerkennung, was bedeutet, dass es
einen mit dem hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst abgestimmten
Lehrplan und eine Qualitätssicherung der Ausbildung gibt und das Prädikat der
Bühnenreife vom Ministerium bestätigt wird. Zudem sind die Schüler
Bafög-berechtigt.
Rechtsträger des privaten
Instituts ist ein gemeinnütziger Verein. Die Finanzierung erfolgt zum
überwiegenden Teil aus Schul- und Fördergeldern. Letztere stammen vom
hessischen Wissenschaftsministerium und vom Kulturamt Wiesbaden. Während die
Stadt ihre Zuschüsse in den vergangenen Jahren kontinuierlich gekürzt hat, sind
die Beiträge des Landes unverändert geblieben. " Darüber sind wir
heilfroh."
Externe Aufträge wie das Katastrophentraining für Mitarbeiter
der Deutschen Lufthansa verhalfen der Schule in den vergangenen Jahren
ebenfalls zu Einnahmen.
Nur knapp reiche das
Schulgeld für den Unterricht, auch wenn die Dozenten ein recht bescheidenes
Honorar bekommen. An der Schule unterrichten gegenwärtig sechzehn qualifizierte
freie Mitarbeiter: vom Fechtlehrer und Kendotrainer bis zu gestandenen
Berufsschauspielern. " Lauter Idealisten, die ihr Wissen und ihre Erfahrung
weitergeben."
Lesen Sie morgen: Blick zurück im Zorn
Wiesbadener Tagblatt vom 1.11.2006 von
Marianne Kreikenbom
Über Nacht berühmt Abschlusskandidaten
der Schauspielschule zeigen Erfolgsstück
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Die Hauptrollen der
Herbstproduktion werden mit Abschlusskandidaten und Absolventen einer Klasse
besetzt.
Bei " Blick zurück im Zorn" sind es unter anderem Bülent Özdil als
Jimmy und Julia Mann als Freundin Helena.
Foto: wita / Uwe Stotz
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Die heutige Wiesbadener
Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der
Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet
seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem
Ziel der Bühnenreife.
Nur ein Jahr älter als
jetzt Schauspielschüler Bülent Özdil in der Rolle des Jimmy Porter war John
Osborne 1956 bei der Uraufführung seines Stückes " Blick zurück im
Zorn"
am Royal Court Theatre in London. Der Dreiakter für vier Personen
machte den damals 26-jährigen Autor nicht nur über Nacht berühmt, sondern ließ
nachfolgend auch den Titel zur bis heute geläufigen Redewendung werden.
In der Inszenierung von
Martin Plass, der gemeinsam mit Dr. Verena Plümer die Wiesbadener Schule für
Schauspiel leitet, hat Osbornes Stück am morgigen Donnerstag (2. November) in
der Wartburg Premiere. Mit regelmäßig zwei Eigenproduktionen pro Jahr wartet
die Wiesbadener Schauspielschule auf. Rechnet man " Shakespeares sämtliche
Werke (leicht gekürzt)" fürs Wilhelmstraßenfest und das in der
"
Kreativfabrik"
aufgeführte Schul-Projekt " Helle Nacht"
hinzu, dann kommt man in diesem Jahr sogar auf vier Produktionen, sagt Plass.
Zum alljährlichen Standard
gehört im Frühjahr die Produktion eines klassischen und im Herbst die
Produktion eines modernen Stücks. Dass seit längerem immer er die modernen und
Verena Plümer immer die klassischen Stücke inszeniere, sei purer Zufall, sagt
Plass. Bedenkt man den Aufwand und die eher bescheidene Größe der Schule, darf
man getrost den Hut vor der Gesamtleistung ziehen. Finanzielle Zuschüsse
gewähren das Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie das Wiesbadener
Kulturamt.
Die Hauptrollen der
Frühjahrs- und Herbstproduktionen werden jeweils mit den Abschlusskandidaten
respektive Absolventen einer Klasse besetzt. Bei " Blick zurück im
Zorn"
sind es Bülent Özdil als Jimmy und Anna Habeck als seine Frau
Alison. Jimmys spätere Freundin Helena wird von Julia Mann dargestellt. Sie
steuert im Mai 2007 ihren Abschluss an, während Christian Schwarz im Dezember
die Zwischenprüfung absolviert und als Cliff seine erste große Rolle in einer
hauseigenen Produktion übernimmt.
John Osborne gilt als
"
Urvater"
der " Angry young men (zornigen jungen Männer)" ,
einer Gruppe junger englischer Autoren, die in den 50er Jahren ungewöhnlich
offen, direkt und in drastischer Sprache gegen das englische Klassen- und
Herrschaftssystem protestierten. Die Protagonisten ihrer Dramen und Romane
leiden an Weltverdrossenheit,
Selbstmitleid, Resignation und ohnmächtigem Zorn. Aber weder dem
kleinbürgerlichen Alltag noch und ihrem hoffnungslosen Leben können oder wollen
sie entrinnen.
Auch Jimmy Porter ist so
einer. Er hat Alison, die Tochter aus gutem Hause, gegen den Willen ihrer
Eltern geheiratet und lebt gegen alle Konventionen damaliger Zeit mit ihr und
seinem Freund Cliff in einer Wohngemeinschaft. Jimmys Rebellion richtet sich
gegen alles und jeden. Auch gegen Alison, die ihn verlässt, als sie schwanger
wird, aber nicht aufhört Jimmy zu lieben, obwohl er inzwischen mit Helena
liiert ist.
Während der Herbstferien
laufen die Proben auf Hochtouren in einem winzigen Bühnenraum mit Faltwand, die
nur für Vorstellungen aufgeschoben wird, weil die andere Hälfte des Raumes
"
arco"
Erlebnispädagogik e.V. gehört. Also: dritter Akt, erste Szene.
Helena am Bügelbrett, Jimmy mit der Zeitung und Cliff mit einem Werbeblatt in
den Sesseln. " Hast du von dem irren Sündenpfuhl in Mittelengland
gelesen?"
fragt Jimmy. Cliff horcht auf. Sonntagnachmittag und die
Stimmung in der WG ist gut. Jimmy sorgt für Unterhaltung. Ganz allmählich aber
entwickelt sich aus dem allgemeinen Spaß ein ernsthaftes Gespräch. " Die
gute Sache, für die man sich einsetzt, die gibt´s nicht mehr" , konstatiert
Jimmy und fühlt sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Die anderen, die vorher
lebten, haben schon alles erledigt. Das Stück sei inhaltlich so sehr den 50er
Jahren verhaftet, dass es sich als Ganzes nicht nach heute übersetzen lässt,
ist Plass überzeugt. Wenn man das begriffen habe, passe es trotzdem, das Gefühl
von Wut und Ohnmacht zum Beispiel.
Unzufriedenheit und
Ruhelosigkeit, die Jimmy umtreiben, kenne auch er, sagt Bülent. Vor drei Jahren
ist er aus Nürnberg an die Wiesbadener Schauspielschule gekommen. Wäre es nach
seinen Eltern gegangen, hätte er Anglistik studieren sollen. Aber schon nach
der ersten Vorlesung war für ihn der Fall erledigt. " Meine Mutter fragte,
was ich wirklich will, und als meine Eltern merkten, dass es mir nicht darum
geht, unbedingt berühmt zu werden, sondern um Leidenschaft, da waren sie
überzeugt und haben mich unterstützt." Er habe inzwischen Einladungen zum
Vorsprechen am Theater, so der 25-Jährige auf die Frage, was er nach dem
Abschluss plane.
Lesen Sie morgen: Auch Schreien will gelernt
sein
Wiesbadener Tagblatt vom 2.11.2006 von
Marianne Kreikenbom
Auch Schreien will gelernt sein Ausbildung
des Wohlklangs der Stimme
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Die Logopädin Martha
Fischbach mit Absolventen der Schauspielschule bei der Arbeit.
Foto: RMB/Friedrich Windolf
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Die heutige Wiesbadener
Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der
Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet
seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem
Ziel der Bühnenreife.
Ein lang anhaltendes
mehrstimmiges " Tschschsch..." dringt aus dem Praxisraum der Logopädin
Martha Fischbach in der Adelheidstraße. Oder ist es ein
"
Pschschsch..."
? Egal. Wie das Zischen von hundert Schlangen hört es
sich an. Der Blick ins Zimmer beruhigt: sieben Wiesbadener Schauspielschüler
machen sich warm für zwei Unterrichtsstunden Atem-Stimme-Sprechen. Arm über
Kopf oder Arm angewinkelt hinter dem Rücken mit der Hand auf den unteren Rippen
- und ausatmen: " Tschschsch!"
Zwischendurch fragt Martha
Fischbach nach den gefühlten Veränderungen. Ihre Stimme sei entspannter, stellt
Linda fest. " Damit ihr heute Abend in Hochform seid" , ermuntert
Martha Fischbach. Seit Tagen proben alle intensiv für das Projekt " Helle
Nacht"
. Es ist eine Art Werkschau unter dem Motto " Schauspielschüler
führen Regie" . Auf dem Programm " eine hintersinnig-düstere Montage
aus klassischen, modernen und selbstverfassten Szenen und Texten" .
Aber noch liegen Linda,
Elif, Greta, Johanna, Michelle, Gregor und Christian mit geschlossenen Augen
und in warme Decken gehüllt bei Frau Fischbach auf dem Spannteppich. Sie spüren
dem Strahlen eines imaginären Diamanten nach, das aus der Körpermitte die
Stimme nach außen trägt. Ganz leicht und wie von selbst entsteht ein Summen,
dessen Resonanz den gesamten Körper in Schwingung versetzt.
Vor drei Jahren übernahm
Martha Fischbach von einer Kollegin das Fach Atem-Stimme-Sprechen an der
Wiesbadener Schauspielschule. " Zu mir kommen alle Schüler im ersten
Ausbildungsjahr."
Die eingemummelten, summenden jungen Damen und Herren
auf ihrem Teppich absolvieren im Dezember die Zwischenprüfung. Martha Fischbach
schafft eine gute Grundlage für die Sprecherziehung. Ihr Unterricht konzentriert
sich auf die physiologischen Voraussetzungen des Sprechens, deren Wahrnehmung
und Nutzung.
Trotz vieler
Gemeinsamkeiten unterscheidet sich ihr Fach von der Sprecherziehung, die in der
Tradition rhetorischer Bildung steht und die sprechkünstlerische Stimm- und
Aussprachebildung sowie die Lese- und Vortragslehre in den Vordergrund rückt.
Logopädie bedeutet
Sprachheilkunde, und so behandelt Martha Fischbach überwiegend Sprachstörungen,
etwa wenn einem Schauspieler, Sänger oder Berufssprecher die Stimme versagt. Bei ihren
Schauspielschülern ist das zum Glück nicht der Fall. Nur hin und wieder ein
harmloses Lispeln oder ein kleines Problem mit den Zischlauten. Aber das lasse
sich leicht beheben. Kern der Logopädie sei es, eine belastete Stimme zu
entlasten und Methoden ihrer ökonomischen Nutzung zu vermitteln. " Dieser
Ansatz gilt nicht nur für die kranke Stimme, sondern genauso für die gesunde,
aber stark beanspruchte."
Wer als Schauspieler mit
dem Instrument Stimme arbeitet, der ist durchaus einem Hochleistungssportler zu
vergleichen. Ein untrainierter Laie beispielsweise wäre auf der Bühne des
Kleinen Hauses schon nach einem Akt " Faust II" stockheiser. Martha
Fischbach leistet gewissermaßen Präventionsarbeit, damit den zukünftigen Profis
so etwas nicht passiert. " Ich versuche meinen Schauspielschülern möglichst
viel Selbsthilfe mit auf den Weg zu geben." Ausgewogene Atmung, richtige
Körperhaltung sowie ein gewisses Maß an Körperbewusstsein und Körpergefühl zählen
zu den Voraussetzungen, soll die Stimme in allen Höhen und Tiefen wohlklingend
und lenkbar funktionieren.
Jeder muss seine
Wohlfühlstimme finden, sagt Martha Fischbach. Eine Mittellage, die zu ihm (oder
ihr) passe, ganz ohne Anstrengung, Verspannung oder Kratzen im Hals. " Auch
Schreien will gelernt sein" , fügt sie hinzu. Am liebsten übe sie das
draußen im Freien. Lautstärke werde nicht durch Muskelkraft erzeugt, wie viele
glauben und ihrer Stimme damit auf Dauer schaden. " Laut sprechen wir nicht
durch mehr Anspannung unserer Halsmuskulatur, sondern durch Atem und innere
Stimmenergie."
Das ist ein langer Lernprozess. Aber er lohnt sich. Gut
ausgebildete Schauspieler erfüllen mit dem lebendigen Klang der puren Stimme
riesige Theaterräume ganz ohne Kopfmikrofon.
Gegen Ende des Unterrichts
sitzen Martha Fischbachs Schüler auf Stühlen im Kreis und üben das Sprechen
resonanzstarker M-Wörter.
"
Mümmelmann-Mummenschanz-Mammutbaum-Mittagsmahl"
, skandieren sie mit
Betonung. Welches Übungswort würde jeder für die bevorstehende
Helle-Nacht-Vorstellung wählen? " Auf geht´s" , schlägt Greta vor.
Lesen Sie morgen:
Junge Talente in der
Probezeit
Wiesbadener Tagblatt vom 3.11.2006 von
Marianne Kreikenbom
Die Kunst immer wieder bei Null zu beginnen Das
Improvisieren steht für die jungen Schauspiel-Talente während der Probezeit auf
dem " Stundenplan"
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Talente auf Probe.
Die Schauspielschüler Iris Hassenzahl und Christian Becker während des
Improvisationsunterrichts.
Foto: RMB / Heiko Kubenka
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Die heutige Wiesbadener
Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der
Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet
seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem
Ziel der Bühnenreife.
Insgesamt sechzehn junge
Frauen und Männer zwischen 18 und 25 Jahren werden gegenwärtig an der
Wiesbadener Schule für Schauspiel ausgebildet. Hinzu kommen seit September
zwölf Kandidaten in der Probezeit. So viele wie lange nicht. Über den Andrang
freut sich das Leitungsteam mit Dr. Verena Plümer und
Martin Plass. Auch wenn er angesichts einer ohnehin schwierigen Raumsituation
zusätzliche Probleme bedeutet. Das Arbeits- und Aufenthaltszimmer des
Leitungsduos ist zugleich allgemeiner Empfangsraum und Durchgang zur Bühne.
Manchmal tritt man sich im Wortsinn wegen der Enge gegenseitig ein wenig auf
die Füße.
Gymnastikmatte an
Gymnastikmatte liegen die Probezeitler Frederick, Melanie, Christian, Lilli,
Klara, Georg, Ronny, Maria, Iris, Karoline und Daniela auf der kleinen Bühne
und entspannen sich für den Improvisationsunterricht bei Martin Plass. Ganz
frei soll der Kopf werden fürs Schauspielen. Immer wieder bei Null zu beginnen,
ist eine Kunst, die gelernt sein will. Gute Schauspieler basteln sich eine neue
Figur nicht aus dem Fundus schon einmal so und so gespielter Rollen zusammen,
sondern erschaffen sie jedes mal neu. Mit aller Intensität und mit allem
Selbstzweifel. Alles auf Anfang.
Es komme nicht darauf an,
keine Fehler zu machen, erklärt Plass den Neulingen. Einfach nur spielen. Ohne
Angst, aber auch ohne Zwang besonders einfallsreich oder witzig sein zu wollen.
Das ist gar nicht so leicht, wenn man neben der eigenen kleinen Szene auch ans
Ganze denken, einen Dialog entwickeln, dem Bühnenpartner zuhören und ihm
Spielmöglichkeiten anbieten soll. Bei der Improvisation gibt es keine festen
Texte zum Auswendiglernen. Die Situation wird nur grob umrissen und die
Charaktere kurz skizziert.
Plass erinnert an das
Szenario: Zehnte Klasse auf Klassenfahrt, eine Party ist geplant, die
mitfahrende Lehrerin hat private Probleme und zudem Zoff mit ihrem
Lehrerkollegen, unter den Schülern gibt es diverse Spannungen. Nicht blocken,
nicht aussteigen, die Psychologie der eigenen Figur und die Dynamik des
Geschehens im Auge behalten, heißt das Ziel. So recht klappt das diesmal noch
nicht.
Neben Selbstdisziplin
gehöre eine gewisse Leidensfähigkeit zum Beruf, weiß der gelernte Schauspieler
Plass. Es sei schon ein hartes Brot, wenn einem der Regisseur zwanzig Mal und
öfter am Tag erklärt, was alles falsch sei und wie es besser wäre und dann ganz
am Schluss vielleicht auch noch ein Rezensent einen bitterbösen Verriss in die
Zeitung setze.
Eine dreimonatige
Probezeit, wie sie in Wiesbaden vor der Aufnahmeprüfung angeboten wird, gibt es
an vielen anderen deutschen Schauspielschulen nicht. Doch der Vorteil des
Verfahrens liegt auf der Hand. Schließlich ermöglicht es die Probezeit den
Kandidaten, grundlegende Erfahrungen zu sammeln, sich auszuprobieren und zu
prüfen, ob Schauspielerin oder Schauspieler tatsächlich der richtige Beruf ist.
Für die 20-jährige Elif
Esmen aus Wiesbaden stand das außer Zweifel, als sie im April dieses Jahres
nach Ablauf ihrer Probezeit zur Aufnahmeprüfung antrat (und sie bestand). Die
ehemalige Schülerin des Gymnasiums am Mosbacher Berg absolvierte nach dem Abitur
zunächst ein Praktikum an der Schauspielschule. " Als meine Eltern merkten,
mit welcher Begeisterung ich von der Schule erzählte und wie ernst es mir mit
dem Schauspielwunsch war, hatten sie nichts mehr dagegen." Klar herrsche
bei Eltern oft Skepsis gegenüber den späteren Berufschancen. " Aber es
liegt an mir, was ich daraus mache" , ist Elif überzeugt. Außerdem könne
man heute auch als gelernte Bankkauffrau arbeitslos werden, fügt sie hinzu.
Dafür entdecke sie so viele neue Seiten an sich, wie das in keiner anderen
Berufsausbildung der Fall gewesen wäre.
In der Probezeit lässt sich
erkennen, ob jemand die grundsätzliche Fähigkeit zur Darstellung besitzt und
über eine grundsätzliche Sensibilität im Spiel mit einem Bühnenpartner verfügt,
ob Stimmpräsenz, Raumgefühl, Körperbewusstsein und Natürlichkeit vorhanden sind
- kurz: ob sich ein Talent als bildbar erweist. Die Zahl der Bewerber schwanke
von Semester zu Semester, sagt Martin Plass. Trotzdem könne man die
Schülerzahlen nicht limitieren und den Erfolg der Einrichtung nicht nur an der
Quantität der Studierenden und Absolventen messen. " Es ergibt keinen Sinn,
wenn wir Schauspieler ausbilden, von deren Talent wir nicht überzeugt
sind."
Eine nicht bestandene Aufnahmeprüfung sei kein Gottesurteil, sondern
eine subjektive Einschätzung. Deshalb steht es jedem frei, sein Glück noch
einmal anderswo zu versuchen.
Lesen Sie morgen:
Rollenstudium der Klassiker
Wiesbadener Tagblatt vom 4.11.2006 von
Marianne Kreikenbom
Schräge
Typen und verschiedene Temperamente Im Einzelunterricht hartes
Rollenstudium der Klassiker / Vermittlungsagenturen zeigen reges Interesse
Die heutige Wiesbadener
Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der
Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet
seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem
Ziel der Bühnenreife.
"
Dass Cassio sie
liebt, das glaub ich wohl. Dass sie ihn liebt, ist denkbar und natürlich. Der
Mohr, obschon ich ihm von Herzen gram, ist liebevoller, treuer, edler Art, und
wird für Desdemona, denk ich, sicher ein wackrer Ehemann." Die Sätze des
Jago aus Shakespeares Tragödie " Othello" werde ich wohl mein Lebtag
nicht wieder vergessen. Sie klingen zeitlos und lebendig, wenn man sie beim
Sprechen genau auf den Punkt bringt. So als seien sie nicht wie im Fall
"
Othello"
schon vor über 400 Jahren geschrieben worden.
Das sei die hohe Kunst des Schauspielers in klassischen Stücken, sagt Dr.
Verena Plümer, Leiterin der Wiesbadener Schauspielschule und freie Regisseurin.
Im zweistündigen
Einzelunterricht bei ihr arbeitet und feilt Ali Murtaza an seinem Jago-Monolog,
der insgesamt nicht länger als siebenundzwanzig Zeilen ist. Immer wieder
spricht er die einzelnen Sätze - jedes Mal ein wenig anders und immer ein wenig
besser. Nach zwei Semestern Schauspielschule hat Ali gerade seine
Zwischenprüfung bestanden. Erst danach beginnt das Rollenstudium im
Einzelunterricht. Der stellt an Schauspielschulen in Deutschland keine Regel
dar. " Soweit wir uns umgetan haben, sind wir die einzigen, die
Einzelunterricht im Lehrplan haben."
Ali gehört zu den
inzwischen zahlreichen Schauspielschülern, die keine deutschen Muttersprachler
sind. Seine Familie stammt aus Pakistan. Er selbst spricht Deutsch, wie man es
sich besser nicht wünschen kann. In gewisser Weise sei die Wiesbadener Schauspielschule
international, denn auch junge Leute aus türkischen und iranischen Familien
studieren hier, erzählt Verena Plümer. Häufig kämen deshalb Anfragen von
Agenturen. Die Schauspielschüler mit dem so genannten Migrationshintergrund
sind gefragt. " Film und Fernsehen haben entdeckt, dass Deutschland
interkulturell ist."
Aber auch sonst zeigen die
Vermittlungsagenturen großes Interesse. " Wir bieten interessante
Gesichter, auch schräge Typen und verschiedene Temperamente, also junge
Schauspieler, die nicht aussehen und sind wie alle." Das wird von den
Agenturen durchaus positiv zur Kenntnis genommen. " Nach der
Zwischenprüfung und in Absprache können die Schüler solche Angebote wahrnehmen,
das mildert den späteren Praxisschock." Auch der Lehrplan reagiert
entsprechend, etwa mit Workshops zum Thema Camera Acting (Arbeit vor der
Kamera), die Film- und Fernsehschauspieler Wolfgang Packhäuser veranstaltet.
Zurück zu
"
Othello"
, jenem Stück, das allgemein als Musterbeispiel eines
Eifersuchtsdramas gilt. In der Szene, die Ali probt, wird Jago klar, dass er
die Schicksalsfäden der Hauptfiguren Othello, Desdemona und Cassio in den
Händen hält. Er will alle drei vernichten und überlegt innerhalb weniger
Sekunden, wie er das anstellt. " Jago ist souverän, dachte ich, er besitzt
Coolness, wie Robert De Niro" , erläutert Ali seine Rolleninterpretation.
Coolness sei richtig, erwidert Verena Plümer. " Aber über diese Coolness
funktioniert seine Manipulation." Ali konzentriert sich auf das Gesagte,
nickt, und spricht die Sätze noch einmal.
Verena Plümer verfolgt sein
Spiel mit höchster Aufmerksamkeit, unterbricht, schlägt vor, gibt zu Bedenken,
erklärt, hakt nach. Ein unglaublich intensives und individuelles Arbeiten. Im
Dialog klopfen Dozentin und Schauspielschüler den Sinn der Worte ab, legen den
Charakter der Figur frei, prüfen die Bedeutung einer Geste, den Tonfall einer
Frage. Klar ist Jago ein Intrigant. Doch er gilt allen als kreuzehrlicher Mann.
"
Der größte Fehler beim Intriganten ist, wenn du spielst, dass du intrigierst."
Die zwei Stunden Rollenstudium vergehen wie im Flug. Auf die Zeit achtet
niemand, und nur ein anderer Termin hält Verena Plümer davon ab, Ali den
letzten Satz doch noch einmal sprechen zu lassen.
Anders als in modernen
Stücken liege bei den Klassikern das Thema nicht unbedingt auf der Hand, meint
Verena Plümer. " Man muss ein bisschen suchen, um zu entdecken, dass es da
nicht um lebensferne `olle´ Konflikte geht, sondern um zeitunabhängige und
heute noch aktuelle Probleme." Jungen Leuten fällt diese Texterschließung
anfangs oft nicht leicht. Hilfreich für das Verständnis vergangener Epochen
erweist sich das Fach Theatergeschichte, das Carola Hannusch, Dramaturgin am
Wiesbadener Staatstheater, unterrichtet.
Der eigentliche Unterschied
zu einem modernen Stück sei die Sprache. Bei den Klassikern stehe sie als
Widerstand zwischen dem Schauspieler und der Figur, was eine hohe
sprechtechnische Herausforderung bedeutet. " Das heißt, ich muss als
Schauspieler die Satzstrukturen so aufknacken, dass mein gesprochener Text wie
ganz normale Sprache klingt, und das ist wahnsinnig schwer."
Ende der Serie
Wiesbadener Tagblatt vom
2.6.2006
Sie sind reif für einen Hollywood-Stern " Die drei M´s" verlassen als hoffnungsvolle Absolventen die Wiesbadener Schule für Schauspiel
Von Marianne Kreikenbom
Männlicher
Nachwuchs an Schauspielschulen sei rar, meinte vor Jahren ein
Theatermann. Denn in der Mehrzahl würden sich junge Mädchen bewerben.
Das wechsele von Aufnahmeprüfung zu Aufnahmeprüfung, sagt indes Verena
Plümer. Gemeinsam mit Martin Plass leitet sie die Wiesbadener Schule
für Schauspiel (ehemals Genzmer) im Freudenberger Tryptichon.
In der Schule für Schauspiel erhielten gestern Abend gleich drei
hoffnungsvollen junge Männer die Abschlussdiplome: Mirek Machnik,
Marcel Schüler und Mehmet Kucak. Mit dem Erwerb der Bühnenreife steht
ihrem erfolgreichen Start ins Berufsleben nun eigentlich nichts mehr
entgegen. Zumal Verena Plümer den drei Absolventen bei aller
Verschiedenheit der Charaktere, Temperamente und Stärken viel Talent
nachrühmt.
Im Februar 2003 hatten Mirek, Marcel und Mehmet - auch " die drei M´s"
genannt - ihr Studium in Wiesbaden begonnen. Sechs Semester später
bilden sie die Abschlussklasse, mit der Verena Plümer die Hauptrollen
ihrer diesjährige Klassikerinszenierung " Clavigo" besetzte.
"
Ihr habt für uns die Ausbildung sehr spannend gemacht" , erklärte sie
nach der vom Publikum stürmisch gefeierten letzten Vorstellung des
Goethe-Stücks. Unverwechselbare Schauspieler seien sie geworden. " Wir
sind stolz auf euch." Nicht nur freundliche Abschiedsworte seien dies,
sondern die verdiente Anerkennung darstellerischer Leistungen. An den
zurückliegenden vier Theaterabenden überzeugten Mirek Machnik
jedenfalls als wankelmütiger Clavigo, Marcel Schüler als
elegant-raffinierter Carlos und Mehmet Kucak als impulsiv agierender
Beaumarchais.

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Junge
und nun auch diplomierte Schauspieler aus Leidenschaft: Marcel Schüler,
Mirek Machnik und Mehmet Kucak mit ihren Lehrern Verena Plümer und
Martin Plass (ganz rechts). Foto: RMB/Heiko Kubenka
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Was veranlasst jemanden Schauspieler zu werden? " Die pure
Leidenschaft"
, antworten alle drei wie aus einem Mund. Welche Pläne
haben sie jetzt - Theater, Film oder Fernsehen? " Wir sind offen für
alles"
, entgegnet Mirek und Mehmet flachst: " Ich will einen Stern auf
dem Hollywood Walk of Fame." Mit kleinen Rollen in ZDF-Fernsehfilmen
wie " Ein Fall für zwei" wäre der Anfang sozusagen schon gemacht.
Mirek und Marcel haben während des Studiums bereits in verschiedenen
Inszenierungen auf der Bühne des Wiesbadener Staatstheaters gestanden.
Georg Büchners Danton und die Rolle des Grafen vom Strahl in Kleists
"
Käthchen von Heilbronn" würden Mirek reizen.
Marcel nennt indes Shakespeare und Tschechow als bevorzugte klassische
Autoren. In jeder Rolle, an der man mit Begeisterung arbeite, sei man
gut, findet Mehmet. Nur was von Herzen komme, gehe zu Herzen, zitiert
er Goethe.
Im Unterschied zu anderen Schauspielschulen befürworten Plümer und
Plass die Praxiserfahrungen ihrer Studenten. Nicht allein wegen der
Möglichkeit des Ausprobierens im " richtigen Leben" , sondern vor allem
wegen der Kontakte, die sich daraus ergeben. Auch eine dreimonatige
Probezeit nach bestandener Aufnahmeprüfung und der Einzelunterricht
zählen zu den Vorteilen ihrer Schule, die Hertha Genzmer 1952 gegründet
hat. Das
private und seit 2001 staatlich anerkannte Institut wird heute von
einem gemeinnützigen Verein getragen und von der Stadt und dem Land
finanziell unterstützt. Mehr als dreißig Schüler insgesamt könne und
wolle man nicht aufnehmen, erklärt Plass. " Wir platzen jetzt schon aus
allen Nähten." Gespräche über einen Umzug ins Westend laufen inzwischen.
Wiesbadener
Kurier vom 29.05.2006
Bis schließlich alle Verlierer werden Die Wiesbadener Schule für Schauspiel zeigt Goethes " Clavigo"
Von Eva Wodarz-Eichner
WIESBADEN Wie immer ist die Frau das Opfer. Sie, die Verlassene, weint
ihrem zerplatzten Traum von einem Leben mit dem geliebten,
erfolgreichen und gut aussehenden Mann hinterher - er hat sie auf dem
Weg nach oben verlassen. Ihr Bruder dürstet nach Rache, der
geliebte/gehasste Mann wird von seiner Vergangenheit und seinen
Gefühlen eingeholt und weiß nicht, wie damit umzugehen. Und dann ist da
noch ein guter Freund, der diabolisch rät und handelt: " Clavigo" ,
Goethes Trauerspiel, ist ein subtiles Psychodrama, in dem es nur
Verlierer gibt.
Das Stück wurde vom 24-Jährigen im Mai 1774 in nur acht Tagen
heruntergeschrieben - als eine Art literarischer Beichte, nachdem er
seine Geliebte Friederike Brion Hals über Kopf verlassen hatte.
"
Clavigo"
wurde ein voller Erfolg. Jetzt auf die Bühne gebracht von den
Absolventen der Abschlussklasse der Wiesbadener Schule für Schauspiel
unter der Regie von Verena Plümer. Immer an Clavigos Seite (Mirek
Machnik) ist dessen Freund Carlos, dem Marcel Schüler Gestalt verleiht:
Er begleitet den Wankelmütigen mahnend, ratend, aufwiegelnd und
besänftigend in facettenreichem Spiel. Rasen vor Wut und gekränktem
Bruderstolz darf Mehmet Kucak in der Rolle von Maries Bruder
Beaumarchais, während sich Julia Mann als Maries große Schwester Sophie
als immer fröhlicher, kuppelnder Mutter-Ersatz zeigt. Doch das gelingt
nur bedingt.
Marie, mit rot geränderten Augen und von der Schwindsucht gezeichnet,
halb verrückt geworden, wird das Opfer der Männer. Anna Habeck
beeindruckt in dieser Rolle, wenn sie ihre gemarterte Seele bloßlegt,
wenn sie einen kurzen Moment Hoffnung schöpft, obwohl sie weiß, dass
Clavigos Liebe längst geschwunden ist. Clavigo selbst dagegen scheint
gar nichts zu wissen - hin und her gerissen zwischen Pflicht und
Mitleid, zwischen aufblitzendem Gefühl und Angst vor Beaumarchais´
Rache, stellt Mirek Machnik den jungen Karrieristen eindrücklich als
zweites Opfer dar: Als Opfer von Beaumarchais, als Opfer von Carlos´
Rat und als Opfer seiner eigenen Zerrissenheit.
Schade nur, dass recht unbekümmert mit der Goetheschen Vorlage
umgegangen wird: So ballert der Wiesbadener Clavigo zum Schluss wild um
sich, erschießt Maries Bruder und irrt mit den Worten " Ewig der Eurige"
von der Bühne, statt von Beaumarchais niedergestreckt und von seiner
Schuld befreit mit Marie im Tod vereint zu werden. Begeisterter Applaus
für eine sehenswerte Produktion mit talentierten jungen Schauspielern.
Weitere Aufführungen finden heute sowie am Dienstag und Mittwoch, 30.
und 31. Mai, 20 Uhr, im Tryptichon, Butterblumenweg 5, statt.
Frankfurter Rundschau v. 07.12.2005, S.17, Ausgabe: S Stadt
Von Julia Brünner
Effekt und
Konzentration Schauspielschüler in Wiesbaden
Es
gibt ein Vorspiel zu der Aufführung: Im Foyer der Wiesbadener Wartburg
läuft ein Video, mit dem das Staatstheater aber nicht etwa auf andere
Produktionen hinweist, sondern das Publikum in Doku-Soap-Manier mit den
Figuren aus Einer flog übers Kuckucksnest bekannt macht. Das erinnert kaum an den Film mit Jack Nicholson, der ihm Mitte der Siebziger einen Oscar brachte.
Auf der Bühne ist die Anziehungskraft der Figuren viel größer, dank des
berührenden Spiels von Schülern der Wiesbadener Schule für Schauspiel.
Sphärenmusik plätschert in einen klinisch-weißen Bühnenraum, der so
nüchtern ist, wie man sich eben eine psychiatrische Anstalt vorstellt
(Bühne: Eckard Burk). Er lenkt nicht ab von den Leistungen der jungen
Darsteller.
Schurke McMurphy (mehr Schönling als Raubein: Christian Kröhl), der dem
Arbeitslager in die Psychiatrie entkommen will, bringt zunächst Leben
in den Alltag der Insassen. Statt Mau-Mau zu spielen, pokern der
panische Dale Harding (Bülent Özdil), der stotternde Billy Bibbit
(Marcel Schüler) und der halluzinierende Martini (Mehmet Kucak) nun mit
Porno-Quartettkarten. Nur Ruckly (Ali Murtaza) und Häuptling Bromden
(Berat Korkmaz) lassen sich erstmal nicht beeindrucken. Anders
Schwester Ratched (Simone Jürgens), die die Fassung verliert angesichts
von McMurphys Verstößen gegen die Klinikordnung. Vieles ist lustig in
dieser Bühnenfassung des sozialkritischen Romans von Ken Kesey: Martini
benutzt eine Zigarette als Mikrofon, Billy stottert sich Manches
zurecht. Macken, die die Darsteller einerseits effektsicher nutzen,
andererseits allerdings vernachlässigen, wenn sie gerade nicht mit Text
an der Reihe sind.
Die Hauptfiguren haben in der zunehmend an Fahrt gewinnenden
Inszenierung von Martin Plass etwas Liebenswertes. Besonders Ratched
ist so gar keine fiese, strenge Oberschwester – zur Gruppensitzung
kommt sie mit hochgeschlitztem Rock und offenem Haar. Und versucht
zwar, streng zu klingen, geht aber fast mütterlich-weich mit ihren
Patienten um. Sogar ein kleiner Flirt entspinnt sich, mit McMurphy, dem
Anstaltsrebellen. Aber der wird, wie im Film, schließlich endgültig
ruhig gestellt.
Darmstädter Echo, 18.11.2005
Romeo und Julia im Sexshop
Schauspielschule - Das harte Training macht den guten Schauspieler - Mit " Abklatsch-Improvisationen" durch die Probezeit
Wiesbaden.
"
Man kann sich ein Leben ohne Schauspielen einfach nicht vorstellen,
das hat fast etwas Zwanghaftes" , beschreibt Verena Plümer die
entscheidenden Voraussetzungen des Schauspielerberufs. Außer Talent,
Leidensfähigkeit und Glück braucht ein Schauspieler enormes
Durchhaltevermögen. " Viele halten es einfach nicht aus zu warten, bis
der Agenturanruf endlich kommt und werfen vorher das Handtuch." Die
Chancen auf dem Arbeitsmarkt würden vor allem für Bühnenschauspieler
immer schlechter. Deshalb rate sie im Vorgespräch auch jedem Bewerber
erst einmal von dem Beruf ab.
Abklatsch-Impros
als Einstieg
Trotzdem haben sich auch dieses Jahr wieder etwa zehn jungen Leute von
ihrem Berufsziel nicht abbringen lassen und proben nun in dem kleinen
Bühnenraum hinter dem Büro unter Anleitung von Schauspieler und
Regisseur Martin Plass so genannte " Abklatsch-Impros" . Die jungen
Nachwuchstalente müssen abwechselnd auf der kleinen Bühne bis zum
nächsten Klatschen aus den Zuschauerreihen in spontan vorgegebene
Rollen und Situationen schlüpfen. So lösen im Halbminutentakt
Märchenfiguren im WalMart den bekifften Willi und die Biene Maja im
Coffeeshop ab. Angela Merkel und Gerhard Schröder palavern in einer
Parfümerie, bevor Romeo und Julia sich im Sexshop angesichts der vielen Sexspielzeuge schnell einem Orgasmus nähern.
Verena Plümer und Martin Plass sind die Leiter der
privaten Wiesbadener Schule für Schauspiel, die zum Verein
"
Schauspielschule Genzmer" gehört. Etwas versteckt in
Wiesbaden-Dotzheim liegt die von Schauspielerin Hertha Genzmer 1952
gegründete Ausbildungsstätte, die auch der bekannte Schauspieler Horst
Janson besuchte. Witta Pohl und andere namhafte Schauspieler sollen
ebenfalls früher an dieser Schule gewesen sein, was aber nicht belegt
ist, da alte Unterlagen fehlen.
Von Anfang an arbeitet das Institut eng mit dem Hessischen
Staatstheater zusammen. Seit 2001 können an dem Institut die Aspiranten
aus dem ganzen deutschsprachigen Raum auch einen staatlich anerkannten
Abschluss als Schauspieler machen. Das hat Institutsleiterin Brigitte
Östreicher erreicht.
Das Besondere an dieser Schule ist nicht nur das fast erreichte
Eins-zu-Eins-Verhältnis zwischen Studierenden und Dozenten, das auch
jedem Schüler den Luxus von wöchentlichem Einzelunterricht ermöglicht,
sondern auch die dreimonatige Probezeit vor dem Tag der eigentlichen
Aufnahmeprüfung.
Bereits in Vorgesprächen treffen die Dozenten eine Auswahl von knapp
einem Dutzend Talenten unter den Bewerbern, die sich dann erst einmal
bewähren müssen. Dabei werde die Motivation genau beleuchtet. Große
Illusionen machten sich die Bewerber aber nicht und wenn, " setzen wir
die schon auf den Topf" , so Plümer.
Bei der Auswahl werde vor allem auf einen ausgeprägten Charakter mit
Ecken und Kanten geachtet. Ziel sei es, nicht bestimmte Modetrends und
glatte Typenschubladen zu bedienen, die sich in jeder Dekade änderten.
Zum Glück sei man hier nicht so eingefahren wie etwa in Hollywood.
Statt dessen setze man auf starke Individualität und das komme bei den
"
Agenturen sensationell gut an" , sagt Plümer.
Lufthansa hilft bei
der Finanzierung
Die Schule sichert ihre Finanzierung aus verschiedenen Quellen. Zum
einen müssen die Schüler ein Schulgeld von 350 Euro monatlich bezahlen.
Darüber hinaus erhält die Schule von der Stadt und vom Land
Fördermittel. Als vierte Einnahmequelle konnte sich das Institut vor
etwa sechs Jahren einen Dauerauftrag der Deutschen Lufthansa sichern.
Als erstes deutsches Unternehmen nutzte die Lufthansa für die
Ausbildung ihrer " Careteam" -Mitarbeiter das Improvisationstalent der
jungen Schauspieler und Dozenten. Diese stellen gekonnt Angehörige von
Katastrophenopfern dar, wie etwa nach dem Tsunami in Asien oder nach
Flugzeugabstürzen. Im so viel authentischeren Rollenspiel schulen die
Lufthansamitarbeiter ihre psychologischen Fähigkeiten im direkten
Gespräch oder auch als Hotlinebetreuer.
Weit weniger lukrativ sind da die halbjährlichen Aufführungen, die die
Schüler im letzten Ausbildungsjahr auf die Bretter bringen müssen. Die
Bühne hinter dem Büro fasst nur 80 Zuschauer. Deshalb sucht das
Institut auch nach größerem Räumen in der Wiesbadener Innenstadt, was
aber nicht bedeutet, dass es sich vergrößern will. Mehr als etwa 20
Schüler auf einmal bildet die Schule nämlich nicht aus. Die
Probe-Romeos und Julias sind bereits auf dem besten Wege, in diesen
auserwählten Kreis aufgenommen zu werden.
| Wiesbadener
Kurier vom 12.09.2005
Szenische Reise durch den nächtlichen Wald Schauspielschule Genzmer mit Arbeitsproben
Von Corinna Spatz-Moritz
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WIESBADEN Gut zu Fuß mussten die Zuschauer im Butterblumenweg sein, um
"
Liebe und andere Kriegsschauplätze" mitzuerleben. Die Wiesbadener
Schule für Schauspiel, bekannt als Schauspielschule Genzmer, hatte
eingeladen, um Arbeitsergebnisse der Schauspielschüler in einer
szenischen Reise zu zeigen. So ging es denn, begleitet von
Donnergrollen, vom Studio ins Büro, vor die Tür und in den Wald, wo in
Monologen und Dialogen Texte von Shakespeare bis Heiner Müller
erfahrbar wurden. Eingestimmt wurde der Zuschauer bereits im Foyer, in
dem sich der eine oder andere Protagonist der Schärfung seiner Figur
widmeten.
Die Vorsprechsituation, Alptraum eines jeden Rollenaspiranten, bildete
den Auftakt mit einer Szene aus " Bitte leise zum nächsten Bild" von
Georg Weber, in der Bülent Özdil als nervöser Bewerber und Mirek
Machnik als wohlmeinender Regisseur überzeugten. Marivaux´ " Der Streit"
trugen Lucia Müßig und Berat Korkmaz aus. Erarbeitet hatte die Szene
Mehmet Kucak im Rahmen eines Regieworkshops. Endgültig gefangen nahm
dann Cechovs " Heiratsantrag" . Marcel Schüler als Lomov verlieh der
nervlichen Mitgenommenheit des Mannes vor dem alles entscheidenden
Augenblick, an Hüftzucken, Schüttelfrost und Weinkrämpfen leidend und
sich an der kümmerlichen Rose in seiner Hand so panisch festhaltend,
dass diese zur Wünschelrute für das große Gefühl mutiert, hinreißend
Ausdruck. Simone Jürgens in der Rolle der resoluten Natalja Stepanovna
hatte mit diesem Häufchen Elend kein Einsehen.
Im " Zerbrochnen Krug" verfocht Ruprecht alias Berat Korkmaz vor dem
imaginären Dorfrichter und der Geliebten, mitfühlend verkörpert von
Teresa Gnaser, seine Sache, Bülent Özdil rechnete in einer Szene aus
"
Jack und Jill" von Jane Martin mit dem " netten Kerl" ab, und Julia
Mann beklagte auf Schlesisch ihr Schicksal als unehelich schwangeres
Dienstmädchen Pauline Piperkarcka aus Hauptmanns " Die Ratten" . Die
Friedensvision von Max Piccolomini aus " Wallenstein" , nachvollzogen von
Marcel Schüler, ging einer originellen Fechtszene mit Christian Kröhl
und Bülent Özdil voraus. Den Shakespeareschen " Sommernachtstraum"
träumten Anna Habeck und Bülent Özdil, bevor Mehmet Kucak als Graf
Wetter sich Kleists " Käthchen von Heilbronn" zuwandte. Eine
Demonstration des Stockkampfes Kendo fügte sich nahtlos in den
szenischen Ablauf ein Goethes " Clavigo" oder Büchners " Dantons Tod"
folgten, je nach Wahl des Publikums und der Bestuhlung des jeweiligen
Spielortes.
Dass es sich bei Simone Jürgens´ " Kassandra" aus Walter Jens´ " Der
Untergang"
und Christian Kröhls " Hamlet" aus Heiner Müllers
"
Hamletmaschine"
bereits um - hervorragende - Ergebnisse aus der
Vorsprechrollenarbeit des Abschlussjahrgangs der Schauspielschule
handelte, war der Intensität der Monologe anzumerken. Jeden Schauplatz
hätte man mit diesen Nachwuchsschauspielern in Augenschein genommen.
Wiesbadener
Tagblatt vom 21.02.2005
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Subtiles Drama Schauspielschule zeigt Moliéres " Menschenfeind"
Von Marianne Kreikenbom
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Mit einem echten Klassiker überrascht die Eigenproduktion der Wiesbadener
Schauspielschule Genzmer in diesem Jahr und zeigt Moliéres " Le Misanthrope" oder " Der Menschenfeind" in der Regie von Verena Plümer. Dieses Meisterwerk im Versgewand führt uns Alceste (Jan Opderbeck) vor Augen und Ohren, einen gnadenlosen Ankläger von Lug und Trug in der Gesellschaft und kompromisslosen Kämpfer für die Wahrheit um jeden Preis. Dass ausgerechnet er die lebenslustige, leichtfertige und viel umworbene Céliméne (Janine Berendes)
liebt, ist eine Art Achillesferse, an der er heftig
zu leiden hat.
In Céliménes Haus begegnet er all jenen, die er zutiefst verachtet. Es stört Alceste wenig, dass man sich über ihn lustig macht. Ganz im Gegenteil empfindet er sogar Stolz auf seine Rolle als notorischer Außenseiters und erfüllt sie mit grimmiger Würde. Darsteller Jan Opderbeck verleiht ihr einen Grad distanzierter Überheblichkeit und penetranter Rechthaberei, während Christian Kröhl der klugen Urbanität des unermüdlich
treuen Freundes Philinte freundlichen Ausdruck verleiht. Von den Damen beeindruckt vor allem Simone Jürgens komödiantisches Talent als nur scheinbar ach so tugendhafte Arsinoe, die es als falsche Schlange faustdick hinter den Ohren
hat.
Charme und Esprit des Stücks schöpft Moliére nicht aus dem bekannten
Komödienreservoire von Intrige, Verwechslung, Zufall und Übertreibung. Bei einem Minimum an äußerer Handlung entfaltet er die Konflikte aus den Charakteranlagen seiner Figuren. Allesamt gehören sie zur besseren Gesellschaft, was im 17. Jahrhundert Moli´Zres die große Welt der Pariser Salons bedeutet, und Leute von Rang und Namen meint. Auf der Bühne im " Triptychon" am Butterblumenweg tragen sie moderne Stöckelschuhe und rückenfreies Abendkleid
oder lässige dunkle Anzüge und Sonnenbrille, sitzen auf rotem Sofa, futtern Pralinen und schlürfen bunt gestylte Partydrinks. Hier agiert eine sozial nicht genau bestimmbare Gruppe von Zeitgenossen, zu der Moliéres gereimte Texte einen merkwürdigen Kontrast bilden. Ungeachtet dessen hat das Thema seit seiner Pariser Uraufführung 1666 kaum etwas an Aktualität verloren. Seine Zeitlosigkeit gründet vor allem auf der Ambivalenz des Protagonisten Alceste. Man kann das Stück
sowohl als ironisches Porträt eines Außenseiters wie auch als hintergründige Gesellschaftssatire lesen. Bei Verena Plümer ist es im Kern " ein subtiles Beziehungsdrama über die fesselnde Macht der Leidenschaft" .
Weitere Aufführungen: 25., 26 und 27. Februar jeweils 20 Uhr im Triptychon, Butterblumenweg 5. Kartenvorbestellung: 0611/303526.
MAINZER
ALLGEMEINE ZEITUNG, 1.7.2004
Der eine wird zum Folterer, der andere zum Opfer Gastspiel in den Mainzer Kammerspielen: ein weiteres Stück des Italieners Fausto Paravidino, die Politparabel " Peanuts" `
Von unserem Mitarbeiter Alfred Balz
Dass der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Hilmar Kopper einmal
zum Paten eines italienischen Theaterstücks werden würde, konnte er
nicht ahnen, als er die millionenschwere Schneider-Pleite als " Peanuts"
verharmloste. Die 7. Politparabel des 28-jährigen Theaterprovokateurs
Fausto Paravidino ist ein von Kopper, Brecht und der flotten
Comicsprache der " Peanuts" inspiriertes Abfallprodukt seiner
eigenwilligen Auseinandersetzung mit dem G8-Wirtschaftsgipfel in Genua
2001. In dem jetzt in den Mainzer Kammerspielen gezeigten Stück
zeichnet er ein erschreckendes Bild seiner eigenen Generation, deren
Zukunft so perspektivlos wie unmenschlich erscheint. |
 Wenn aus lässigen Jugendlichen aggressive Desparados werden: Szene aus Fausto Paravidinos " Peanuts" . Foto: Genzmer
|
Ein junges Team aus Licht, Ton, Sounddesignern, Bühnenbildnern, zehn
Schauspielern und einem Triumvirat am Regiepult hat das bedrückend
realistische Stück erarbeitet. Alle außer Regisseur Martin Plass sind
Auszubildende der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer. Das merkt man
den textsicher und kraftvoll aufspielenden Youngsters allerdings nicht
an. Im ersten Teil des Stückes erleben wir eine Jugendclique Erdnüsse
kauend und Cola schlürfend vor der Glotze. Es ist nicht ihre Bude, die
sie da nach und nach in Besitz nehmen und schließlich verwüsten. Buddy,
der Underdog des Stückes, sollte eigentlich auf die Wohnung der reichen
Leute aufpassen, bis schließlich der Sohn des Hausherren aufkreuzt und
die Situation eskaliert.
Paravidino zeigt Typen beiderlei Geschlechts, wie sie uns täglich
begegnen - modern, ohne Seele, aber mit Markenbewusstsein. Die
lethargischen Pop-, Fussball- oder Fernsehsüchtigen mit den flotten
Sprüchen taumeln ohne Sinn und Ziel durch eine Welt, die nicht die Ihre
ist und sie zunehmend gewalttätig, berechnend oder - im Falle von Buddy
- unterwürfig werden lässt.
Die Überraschung folgt nach der Pause: Ein Zeitsprung von 10 Jahren
versetzt die gleichen Akteure mit verteilten Rollen in die Atmosphäre
eines Gefängnisses. Es sind jedoch nicht politische Gefangene, sondern
gestrauchelte, gedemütigte und zerstörte Individuen, denen die eigene
Sorglosigkeit zum Verhängnis wurde. Die Aufspaltung der Charaktere in
Folterer und Opfer folgt der inneren Logik der Figuren, die durch ihre
Persönlichkeitsstruktur vorgegeben ist.
So bleibt für den im Grunde aufrichtigen Buddy nur der Drecksjob des
Unteraufsehers. Erst die befohlene Hinrichtung seines Freundes " Minus"
lässt ihn revoltieren, und er spürt in einer geschickten Rückblende
seiner Jugend und den verpassten Chancen nach.
WIESBADENER
TAGBLATT, 26.01.2004 Mörderische Späße " Peanuts" bei der Schauspielschule Genzmer
Von Marianne Kreikenbom
Der heute 27-jährige, als Schauspieler und Autor in Rom lebende Fausto
Paravidino habe die Politik wieder für das Theater entdeckt, hieß es
hierzulande enthusiastisch über sein Stück " Peanuts" (Noccioline). Nach
den Ereignissen des G8-Treffens in Genua vor drei Jahren geschrieben,
wird es gegenwärtig an mehreren deutschen Bühnen aufgeführt. Mit
Schülern aller Studiengänge inszenierte es nun auch Martin Plass an der
Schauspielschule Genzmer in Wiesbaden.
Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und
Globalisierungsgegnern im Sommer 2001 wurden ein junger italienischer
Demonstrant von einem jungen italienischen Polizisten erschossen und
insgesamt 500 Demonstranten zum Teil schwer verletzt. Dass beiderseits
der Barrikaden Vertreter ein und derselben Generation und Sozialisation
standen, inspirierte Paravidino zur Dramatisierung des Themas. Seine
zweiteilige Szenenfolge sollte in Sprache und handelnden Personen an
die Peanuts-Helden des Comic-Meisters Charles M. Schulz erinnern. In
denen entdeckte der junge Autor bühnenreife " Beckettfiguren" .
Mögen sich bei ihm Anspruch und Umsetzung auch nicht immer die Waage
halten, manches ungereimt und anderes vordergründig erscheinen, einen
Treffer landete Plass mit der Wahl des Stückes allemal. Nicht zuletzt
haben sich die Akteure hier mit einem Schreiber auseinanderzusetzen,
der nicht viel älter ist als sie selbst. Paravidinos anvisierte
Comicart gelingt der Wiesbadener Inszenierung überzeugend vor allem im
zweiten Teil, dann allerdings mit so mörderisch bösen Späßen, dass
einem das Lachen vergeht. In Teil eins wird viel geschrien, viel
geblödelt, viel fern gesehen und viel Party gefeiert. Bedeutungsschwer,
aber eigentlich konterkarierend begleiten Parolen die Miniszenen.
"
Revolution und neue Techniken des Kampfes" beispielsweise, wenn jemand
einfach nur mal alles kurz und klein schlägt.
Neun Jugendliche okkupieren eine fremde, von Kumpel Buddy nur gehütete
Komfortwohnung und verwüsten sie. Zehn Jahre später begegnen sich alle
auf einer Polizeistation wieder: überzeugte oder willfährige Handlanger
eines autoritären Staates die einen - von ihnen Geprügelte und
Erniedrigte die anderen. Die Schluss-Szene, in der Buddy (Mirek
Machnik) dem einstigen Freund Minus (Mehmet Kucak) die Dienstpistole an
den Kopf hält und einen Moment lang überlegt, ob die Geschichte auch
hätte anders verlaufen können, ist eine der eindrucksvollsten dieser
beachtlichen Ensembleleistung. Unbedingt ansehen!
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Pepper, Ausgabe 4 * 2004 Peanuts Moral im zeitgenössischen Theater? Premiere in der Schauspielschule Genzmer
Das Stück ist ideal für uns" , schwärmt Martin Plass.
„Hier habe ich junge Schauspieler, keine 35-Jährigen, die ich auf jung trimmen
muss."
Das Stück, das ihn so begeistert, sind Fausto Paravidinos
„Peanuts"
. Die jungen Schauspieler, mit denen Plass arbeitet, sind die
Schüler der Schauspielschule Genzmer, die 1952 von Hertha Genzmer in Wiesbaden
gegründet wurde. Das private Institut ist eine kleine, aber feine Einrichtung,
in der die Schülerinnen und Schüler in dreieinhalb Jahren ausgebildet werden.
Seit Mai 2001 ist die Schauspielschule staatlich anerkannt. Getragen wird sie
von einem gemeinnützigen Verein. Sie finanziert sich aus den monatlichen
Beiträgen der Schüler sowie städtischen und Landesmitteln. Pro Jahr entstehen in den Räumen im Butterblumenweg auf dem
Wiesbadener Freudenberg zwei Produktionen. „Normalerweise machen wir kleinere
Sachen, weil uns für mehr die Räume fehlen" , erklärt Martin Plass, der
derzeit zusammen mit Dr. Verena Plümer die Schule leitet, weil die eigentliche
Leiterin, Brigitte Östreicher, aus gesundheitlichen Gründen pausieren muss. Mit den „Peanuts" wird Plass allerdings das Tryptichon
gleich neben den Räumen der Schule bespielen. Das Stück ist das siebte des
1976 in Genua geborenen Autors. Deutsche Theaterkritiker hat es derart begeistert, dass es als
bestes ausländisches Stück ausgezeichnet wurde. Paravidino wollte ein Stück über seine Generation schreiben.
Während er in den Anfängen steckte, wurde seine Geburtsstadt zur Festung
umgebaut, damit sich die Regierungschefs der acht größten Wirtschaftsnationen
der Welt dort treffen konnten: G 8-Gipfel 2001. Noch bevor die hohen Herrn am
Runden Tisch Platz nahmen, jagte die Nachricht um die Welt, dass in den
Straßen-Schlachten zwischen Globalisierungsgegnern und der Polizei ein junger
Carabiniere einen jungen Demonstranten erschossen hat. Fausto trat sein Stück
in die Tonne. Denn so apathisch, wie er seine eigene Generation gesehen hatte,
war sie offenbar doch nicht. „Peanuts" beginnt zehn Jahre vor Genua. Buddy
beaufsichtigt die Wohnung von reichen Leuten. Nach und nach nisten sich seine Freunde
bei ihm ein. Die Wohnung verwandelt sich langsam aber sicher in eine Müllkippe.
Der Fernseher geht irgendwann zu Bruch -uups - und bleibt nicht der einzige
Schaden. Als Schröder, der Sohn der Hausherren, auftaucht, verkrümeln sich die
Jugendlichen. Schröder fragt Buddy, ob sie seine Freunde seien und Buddy
antwortet „nein!" . Zehn Jahre später trifft sich die Clique aus der Wohnung
zufällig wieder - auf einer Polizeiwache in Genua. Die meisten von ihnen sind
inhaftierte Demonstranten. Andere stehen auf der anderen Seite. So spiegelt
die Polizeiwache exakt die Wohnung wieder. Der einzige, der zehn Jahre zuvor
zwischen den Stühlen saß, hatte sich ja schlussendiich für eine Seite
entschieden. Heute ist Buddy Polizist. Sein Chef, der Leiter der Wache, ist
Schröder. Paravidino zeichnet die Spaltung der Gesellsellschaft
trennscharf mit Hilfe klassischen Täter/ Opfer-Trennung. Folter darf in diesem
Kontext nicht fehlen. Mal ist es psychischer Druck, mal körperliche Gewalt, was
die festgesetzten Demonstranten zu erdulden haben. Und plötzlich ist einer der
Demonstranten tot. Es gibt einen Augenzeugen. Schröder befiehlt Buddy, diesen
hinzurichten. Und Buddy beginnt über ein „JA!“ nachzudenken. Hätte alles anders
kommen können, wenn er seine Freunde vor zehn Jahren nicht verleugnet hätte? Das ist es, was die Theaterkritiker so für die
„Peanuts"
eingenommen hat. „Moral? Wir dachten, das wäre im Theater vorbei" , lacht Martin Plass.
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Wiesbadener
Kurier vom 22.01.2004 Mit
Konsequenzen für
den Unterricht Probenbesuch
in der Schauspielschule Genzmer/ Premiere „Peanuts" am 23. Januar Von Kurier-Mitarbeiterin Corinna
Spatz „Janine, hast du jetzt die Hot-pants?" Die Angesprochene, eine
Schauspielschülerin mit Schweizerkreuz
auf dem T-Shirt, hat
gesucht und gefunden,
wuselt jetzt auf die Bühne und
nickt Regisseur Martin Plass bestätigend zu.
Hektik herrscht im „Triptychon" , im Freudenberger Butterblumenweg: Eine der
letzten Proben für das Stück „Peanuts" von Fausto Paravidino steht an diesen
Freitag, 20 Uhr, ist Premiere. Bis
dahin will das Ensemble der
Schauspielschule Genzmer noch einige
technische Finessen, wie Ton- und Bildeinspielungen,
verändern.
Martin
Plass lacht: „Aber es wäre direkt unnormal, wenn jetzt schon alles fertig wäre.
Das muss so sein!" Zehn angehende Schauspieler und Schauspielerinnen zwischen 18 und 25 Jahren nehmen mit Hilfe des Autors (Jahrgang 1976) ihre
Generation unter die Lupe.
Das G8-Treffen 2001 in Genua und seine gewalttätigen Auswüchse
waren für Paravidino Anlass, sich
mit den Auswirkungen einer Politik im Stile Berlusconis auf die Gesellschaft auseinanderzusetzen. „Theater heute" zeichnete „Noccioline" , wie das Stück im Original heißt, jüngst als bestes ausländisches Stück aus.
Für
Plass waren es jedoch in erster
Linie unterrichtspraktische Gründe, die zur Auswahl von „Peanuts" führten: „Wir wollten ein Stück, in dem alle Schüler,
aus allen drei Ausbildungsjahren,
spielen sollten. Und das Stück hat natürlich Konsequenzen für den Unterricht:
Einmal wegzukommen vom naturalistisch
Psychologischen."
Die
Herangehensweise entspricht den 23 comicartig kurzen Szenen, die durch Musikeinspielungen
verbunden werden.
Buddy, Protagonist des Stücks, hütet die Wohnung reicher Leute. Nach und nach nisten
sich seine Freunde in der sturmfreien
Bude ein und hinterlassen jede Menge
Müll und Zerstörung. Lediglich Buddy
bügelt, poliert und verzweifelt schließlich wie ein Sisyphus der Ordnungsliebe. Im richtigen
Leben auf der Bühne muss er das nicht, denn vor dem Umbau zum zweiten Teil packt alle Schauspielschüler die Putzwut. Jeder macht hier alles, und das gilt für Licht, Ton und Requisiten
ebenso wie für das Putzen der Bühne.
Stehen
im ersten Teil des Stücks noch der
58-Zoll-Bildschirm des Fernsehers
und jugendliche Kabbeleien im Vordergrund,
schlägt der zweite Teil, zehn Jahre später
angesiedelt, ins Politische um. Die
Jugendlichen von einst sind ins Alter von Pumps und Pullundern gekommen. Die Spaltung von Besitzenden und Abhängigen setzt sich als Unterteilung in Aufseher und Insassen einer repressiv geführten Gefängnisanstalt fort.
Buddy gibt sich selbst und seiner einst mangelnden
Solidarität mit seinen Freunden die Schuld an der Entwicklung. Er imaginiert ein Zurückdrehen der
Zeit, um eine zweite Chance zu
erhalten. „Eine Chance haben wir ja auch
noch"
, ist der Regisseur zuversichtlich
und meint damit die Generalprobe, bei der dann auch die letzten
technischen Probleme noch gelöst werden.
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WIESBADENER
KURIER, 31. August 2002 Auf
Witta Pohls Spuren Wiesbadener Schauspielschule
Genzmer feiert 50. Jubiläum
von Arjen-Joachim Jakobi " Black!"
- Die Stimme der Regisseurin zerschneidet das Schweigen. " Licht!"
- Mühelos wechseln die Schauspielschüler zur nächsten Szene:
Frank Eller reglos auf dem Bett liegend, Svenja Aßmann voller
Ungeduld nervös umherstreifend und Thordis Howe als Mutter ermattet
in scheinbar stoischer Ruhe auf dem Stuhl im Gastzimmer sitzend:
Momente einer Probe zu Camus' " Das Missverständnis" ,
das, gespielt von den Eleven der Wiesbadener Schauspielschule
Genzmer, am heutigen Samstag auf dem Freudenberg Premiere feiern
wird. Wiesbaden hat eine Schauspielschule? Oh ja. Und das
schon seit 50 Jahren. Dass die Schule der Öffentlichkeit nur
wenig bekannt ist, liegt nicht zuletzt an den seltenen Aufführungen.
" Es ist zwar schön, nette Leute zu unterhalten - wir sind
jedoch in erster Linie dazu da, die jungen Leute auszubilden.
Da lassen sich die vielen Proben oft nicht mit dem Unterricht
vereinbaren" , erklärt Brigitte Östreicher, die Leiterin
der Schule. Seit nunmehr 50 Jahren also besteht die Schauspielschule
als Wiesbadener Institution. Ihr Ruf geht jedoch über die Grenzen
der Region hinaus. Gegründet 1952 von der Schauspielerin Hertha
Genzmer, wurde ihr im Mai 2001 der Titel " Staatlich anerkanntes
Institut" verliehen. Was nach Behördendeutsch klingt, hat
für Schule und Studenten weitreichende Konsequenzen: In erster
Linie finanzielle - denn subventioniert wird die private Schule
vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie
vom Kulturamt Wiesbaden. Durch den staatlich anerkannten Abschluss
wurden die Studenten zudem BAFöG-Förderungsfähig und in die
Arbeitslosenversicherung aufgenommen. Obwohl einige ehemalige
Schüler den Schritt zum Fernsehen gewagt haben, so etwa die
aus der TV-Serie " Diese Drombuschs" bekannte Witta
Pohl, will der " überwiegende Teil der Studenten beim Theater
bleiben" , so Östreicher. Darauf werden die Schauspielschüler
von zwölf Dozenten in Theorie und Praxis umfassend vorbereitet.
Zum Unterricht gehört neben der körperlichen Ausbildung wie
Stimmbildung, Tanz, Ballett, Pantomime und Fechtunterricht auch
Rollenstudium und Darstellungsunterricht, sowie Grundlagen der
Theater- und Literaturgeschichte. Dass die Dozenten dabei keine
einheitlichen Ausbildungskonzepte verfolgen, ist Brigitte Östreicher
persönlich sehr wichtig. " Die Schüler müssen später unter
ganz unterschiedlichen Regisseuren arbeiten können. Da hilft
es nichts, wenn sie sagen: Das habe ich aber so nie gelernt!"
Nach mindestens sieben Semestern werden die Studenten schließlich
in die professionelle Bühnenwelt entlassen.
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FAZ - Rhein Main, 29.
August 2002 Eine Schule
des Lebens wie der Kunst 50
Jahre Schauspielinstitut Genzmer / " Narzißtische Selbstdarsteller
können wir nicht gebrauchen"
von Susanne Braitsch " Wer
Schauspieler werden will, muß nicht nur über darstellerisches
Talent verfügen, sondern sollte auch ein Gespür für andere Menschen
mitbringen und sich kritisch mit seiner Umgebung auseinandersetzen" ,
beschreibt die Leiterin der Schauspielschule Genzmer, Brigitte
Östreicher, die Kriterien, nach denen Bewerber zweimal jährlich
für Studienplätze in " Darstellender Kunst" ausgewählt
werden. Seit 50 Jahren bildet die Schauspielschule im Haus der
sogenannten " Kulturschmiede" in Wiesbaden-Freudenberg
junge Bühnentalente aus. Dabei bemüht sie sich, der Maxime der
Gründerin - der 1971 verstorbenen Wiesbadener Staatstheaterschauspielerin
Hertha Genzmer -, " Persönlichkeiten zu fördern, die dem
Leben und daher auch der Kunst des Theaters gewachsen"
sind, treu zu bleiben. Im Gegensatz zu den meisten anderen
staatlich anerkannten Schauspielakademien in Deutschland müssen
die Interessenten nämlich vor der Aufnahmeprüfung ein dreimonatiges
Probesemester absolvieren. Die Dozenten können so besser beurteilen,
wie lernfähig, lebenserfahren und kritikfähig Bewerber seien,
sagt Östreicher, die die Schule seit zwölf Jahren leitet. " Narzißtische
Selbstdarsteller können wir nicht gebrauchen." Eine Probezeit
eröffne den angehenden Studenten zudem Einblicke in Unterrichtsmethoden
und bietet Unerfahrenen die Möglichkeit, unter fachlicher Anleitung
eine Vorsprechrolle einzustudieren. Jeder der zwölf Dozenten
für Ballett, Pantomime, Gesang, Rollenstudium, Sprecherziehung,
Stimmbildung und Theatergeschichte arbeite nach den Methoden,
die er für die beste halte: Die Schule fühle sich weder der
klassischen Psychotechnik des Theatertheoretikers Konstantin
Stanislawski oder des amerikanischen Regisseurs Lee Strasberg
noch der Schauspiellehre Bertolt Brechts verpflichtet. Studenten
sollten möglichst viele Methoden kennenlernen, um eine Technik
zu entwickeln, die ihrer Persönlichkeit entspreche, erläutert
Schauspieldozentin Verena Plümer. Dies sei eine gute Vorbereitung
auf die Arbeit am Theater oder in der Filmindustrie, wo Schau-spieler
auf unterschiedliche Arbeitsweisen wechselnder Regisseure eingehen
müßten. Um den Praxisbezug sicherzustellen, unterstütze die
Schule Gastengagements von Studenten an Bühnen der Region. In
ihrem Bemühen, den Schauspielschülern praktische Erfahrungen
zu ermöglichen, geht die Schulleiterin mitunter auch ungewöhnliche
Wege: Das Institut nehme regelmäßig am Katastrophentraining
der Lufthansa teil. Hierbei übernähmen Schauspielschüler die
Rolle traumatisierter Fluggäste oder Angehöriger, an den die
Angestellten der Fluggesellschaft den Umgang mit Unfallgeschädigten
trainierten. Die von einem Förderverein getragene Schauspielschule
finanziert sich durch Unterrichtsgebühren von monatlich 350
Euro sowie Zuschüsse des Landes und der Stadt. Durchschnittlich
besuchen 20 Studenten zwischen 18 und 25 Jahren für mindestens
sieben Semester das Institut: Neun junge Frauen und Männer sind
zur Zeit an der Schauspielschule Genzmer eingeschrieben, neun
weitere haben im Mai ihre Abschlußprüfung abgelegt. Am Samstag
um 19 Uhr zeigen Schüler der Abschlußklasse anläßlich des 50.
Jahrestags der Schauspielschule das Drama " Das Mißverständnis"
von Albert Camus. Die Aufführung findet auf der Probebühne der
Schauspielschule am Butterblumenweg 5 in Wiesbaden-Freudenberg
statt. Von 15 Uhr an werden bei einer kleinen Feier außerdem
Lesungen zum Thema Schauspiel sowie ein Video über die Arbeit
des Instituts präsentiert.
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WIESBADENER TAGBLATT,
20. August 2002 Auch Talent
zur Selbstkritik zählt Schauspielschule
Genzmer besteht 50 Jahre / Nachwuchs präsentiert sich am 31.
August
von Eileen Stiller 50
Jahre rasselnde Degen, prächtige Kostüme und kraftvolle Stimmakrobatik
- das sind 50 Jahre, in denen junge Talente unter professioneller
Leitung für die Kunst des Schauspiels ausgebildet wurden. Mit
Witta Pohl und Horst Jansson seien nur zwei ehemalige Schüler
der Schauspielschule Genzmer genannt, die es auf der großen
Bühne und im Fernsehen zu breiter Anerkennung gebracht haben.
Auch heute genügt ein kurzer Blick auf die Probebühne, um
von dem Können der Talente zwischen 18 und 25 Jahren überzeugt
zu sein. Unter Anleitung von 12 Dozenten arbeiten sie in der
Regel sieben Semester auf das Prädikat der Bühnenreife hin,
während sie außerhalb der Schulgeländes ihr Handwerk durch praktische
Erfah-rungen vertiefen. So haben fast alle Schüler nebenbei
Engagements bei den Staatstheatern in Wiesbaden und Mainz, oder
sie übernehmen kleine Rollen im Filmgeschäft. " Nachdem
die Leute gastiert haben, kommen sie oft völlig verändert wieder.
Sie sind motivierter, reicher an Erfahrung" , merkt Brigitte
Östreicher, seit Ende der Achtziger Leiterin des Instituts,
an. Neben Talent und Per-sönlichkeit zählt für sie bei Bewerbern
vor allem die Bereitschaft, hart an sich selbst zu arbeiten.
So vermittelt der Unterricht an ihrer Schule neben der gängigen
Ausbildung in Stimme, Bewegung und Dramaturgie auch die Fähigkeit
zu kritisieren und zu differenzieren. Damit führt sie die
Tradition der Schule im Sinne der Gründerin Hertha Genzmer weiter.
Die 1971 gestorbene Schauspielerin widmete sich seit Gründung
der Schule im Jahre 1952 ganz ihrem künstlerischen Nachwuchs.
Eckhart von Naso sagte einst über den Geist der Schule: " Hier
beschränkt sich die Pflege nicht allein auf die Ausbildung fachlicher
Art. In gleicher Art wichtig ist für Hertha Genzmer die Pflege
menschlicher Persönlich-keiten, die dem Leben und deshalb auch
der Kunst des Theaters gewachsen sind." Es sollte nicht
lange dauern, da genoss die Schule bei Intendanten und Dramaturgen
einen hohen Bekanntheitsgrad über die Grenzen Wiesbaden hinaus.
Bei den Wiesbadenern selbst hält sich dies bis heute noch in
Grenzen, war vor allem an den nur sporadisch stattfindenden
Aufführungen der erarbeiteten Stücke liegt. Aber laut Östreicher
ist es auch " nicht Hauptaufgabe der Schule, die Öffentlichkeit
zu unterhalten, sondern junge Menschen für den professionellen
Beruf auszubilden." Generell verirren sich nur wenige Besucher
in das ehemalige Militärkasino auf dem Freudenberg, in dessen
Räumen die Schauspielschule seit drei Jahren residiert. Neben
einer kleinen Probebühne, die noch aus den Zeiten in der Adolfsallee
stammt, und einem großen Saal stehen den Schülern ein Requisiten-
und Aufenthaltsraum sowie Büro- und Unterrichtszimmer
zu Verfügung. Finanziert wird das private Institut vom Kulturamt
Wiesbaden und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und
Kunst. Seit Mai 2001 genießt die Schule staatliche Anerkennung,
wofür lange Zeit gekämpft werden musste. Wer sich selbst
von den Künsten der Nachwuchsschauspieler überzeugen möchte,
der findet am 31. August ab 15 Uhr die Gelegenheit dazu. Dann
nämlich lädt die Schule alle Interessierten ein zu einem Jubiläumsabend
mit Lesungen, Videovorführungen - und sogar mit einem von den
Absolventen einstudierten Stück aus der Feder von Albert Camus.
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Verlags-Gruppe
Rhein-Main, 20.06.2002 Goethes
Faust und Fechtunterricht Berufsinformationstag an der
Schauspielschule Genzmer / Jubiläum
im September
Von JuLe-Mitarbeiter Henrik Düker
'Stellt euch vor, in der Mitte eures Körpers lodert ein
dunkelrotes Feuer, und schenkt uns dann den schönsten Klang, den
ihr habt." Mit diesen Worten von Schauspiellehrer Gottfried
Herbe beginnt das Warming- up für die beiden
Schauspielschülerinnen Janine Berendes und Sara Giovanetti. Und
während der Proberaum der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer
im Nu erfüllt ist von den kräftigen Stimmen der jungen
Frauen, rasseln draussen auf dem Hof die Degen beim Fechtunterricht.
Die Schauspielschule Genzmer hatte
eingeladen zum Berufsinformationstag, und deshalb mussten Janine und
Gina nicht nur ihr Aufwärmtraining am Nachmittag wiederholen,
sondern ließen auch interessierte Schüler und Lehrer einen
Blick hinter die Kulissen des Instituts werfen. 1952 wurde die
Schauspielschule von Herta Genzmer
geründet und bildet seitdem junge Menschen für den
professionellen Beruf des Schauspielers aus. Fernsehstars wie Witta
Pohl ('Diese Drombuschs" ) und Horst Jansson ('Der Bastian" )
standen hier einst schon auf der Probebühne. Acht Schüler
werden momentan von zwölf Dozenten in den Fächern
Sprechausbildung, Körpertraining, Rollenstudium, Improvisation
und Theorie ausgebildet. Die körperliche Ausbildung umfasst
neben Ballett und Rhythmik auch Fechten und Phantomime, erklärt
Thordis Howe, die seit Februar 1999 in Wiesbaden studiert. Weiterhin
gebe es nach der Zwischenprüfung für die Schüler die
Möglichkeit, durch kleinere Rollen an Theatern wie den Mainzer
Kammerspielen oder dem Wiesbadener Staatstheater tiefer in die Praxis
des Berufes einzutauchen. Seit Mai 2001 ist die Schauspielschule
Genzmer staatlich anerkannt und kann
ihren Studenten somit auch einen staatlich anerkannten Abschluss
bieten. Subventioniert wird die Privatschule vom Hessischen
Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kulturamt der
Stadt Wiesbaden. Die 15-jährige Elisa Luzius ist mit ihrer
Mutter zum Berufsinformationstag gekommen und schaute sich die Arbeit
in den unterschiedlichen Bereichen an. Sie möchte nun erstmal
ein Praktikum an der Schauspielschule absolvieren und kann dabei auch
auf die volle Unterstützung ihrer Mutter zählen, die den
Beruf so 'schön spannend und abwechslungsreich" findet.
Auch Angelika Theiss, Lehrerin an der Schule Mosbacher Berg und
Leiterin des Wahlpflichtfaches 'Darstellendes Spiel" , war
begeistert vom Angebot der Schauspielschule. Sie möchte
möglichst bald mit ihren Schülern wiederkommen und und sich
die Arbeit der zukünftigen Schauspieler anschauen. Jungen
Menschen den Umgang und Abbau von Aggressionen zu vermitteln, so
Theiss, könne besonders im Kontext von Erfurt als
Erziehungsaufgabe von immer grösserem Wert angesehen werden.
Silke Rothe, Theaterdramaturgin und Dozentin für
Theatergeschichte, möchte deshalb auch andere interessierte
Schülergruppen einladen, sich das Institut und seine
Arbeitsweise einmal aus der Nähe anzuschauen. Wer sich
selbst von den Schauspielkünsten der Genzmer-Schüler
überzeugen möchte, wird dazu am 31. August die Gelegenheit
bekommen. Dann nämlich feiert die Schauspielschule Genzmer
ihr 50-jähriges Bestehen mit der Aufführung des Stückes
"
Das Missverständnis" von Albert Camus.
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Verlags-Gruppe
Rhein-Main, 04.07.2001 dpa Genzmer-Schule
anerkannt Hessens Kunstministerin Ruth Wagner
hat die private Schauspielschule Genzmer
in Wiesbaden und die Frankfurter musical & stage Schule
anerkannt. An beiden Schulen können damit staatliche Prüfungen
abgelegt weren. Die Schulen bilden junge Menschen zu Schauspielern
und Musicaldarstellern aus. dpa
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Verlags-Gruppe
Rhein-Main, 06.12.2000
Dumpfsinn
quillt ihnen aus den Augen Schüler der Schauspielschule
Genzmer entdecken Fassbinders
'Katzelmacher"
wieder
Von KURIER-Mitarbeiterin
Shirin Sojitrawalla Die Figuren auf der Bühne scheinen
dem gemeinen Zeichenstift des Gerhard Haderer entsprungen: Der
Dumpfsinn quillt ihnen aus den Augen. In behäbigen Gedanken und
Schritten bewegen sie sich durch ihr tristes Leben, das immer schon
so war, wie es ist. Und wehe, es passiert etwas Unvorhergesehenes,
wie etwa die Ankunft des Griechen Jorgos, dem Fremdarbeiter, der in
ihr kleines bayerisch-miefiges Dorf zieht. Dann werden sie zu Tieren.
'Katzelmacher"
hat Rainer Werner Fassbinder sein 1968
uraufgeführtes Stück genannt, das nun von den Schülern
der Schauspielschule Genzmer
wiederentdeckt wurde. Regie führte die Leiterin der Schule,
Brigitte Östreicher, unterstützt von Julia Prochnow und
Svenja Aßmann. In kurzen prägnanten Szenen lernen wir die
Dorfbewohner kennen. Den dicken, aber keineswegs gemütlichen
Erich (Patrick Twinem), der später eine Bande gründen wird,
um den Griechen zu verfolgen, seine Freundin Marie (Ariane Klüpfel
in der für Fassbinder-Frauen typischen Rolle der Lasziv-Naiven),
die ein Verhältnis mit dem Fremden anfängt und Paul, den
von Björn Beckstedde als schmierig-blöden Dorfbewohner
gespielten Deppen. Nicht zu vergessen Gunda (Andrea Dewell), die sich
ebenso verklemmt wie beischlafwillig an dem Fremden rächt. Auch
Franz (Sascha Stegner), der im Grunde nichts gegen den Griechen hat,
wagt nicht, aufzumucken, wie all die anderen, die nur zusehen. Allein
Elisabeth (Valerie Lecarte), die Arbeitgeberin von Jorgos, hebt sich
ab, vom Mob. Zu Anfang des Abends scheinen sie alle nicht über
den Status der überzeichneten Karikaturen hinauszukommen. Da
wirken dann die stumpfsinnigen Gesichter unfreiwillig komisch, in
einem Stück, in dem es eigentlich nichts zu lachen gibt. Am
wenigsten für Jorgos (Michael Schober), den Fremden. Doch die
Rolle ist einen Tick zu amüsant angelegt, setzt zu sehr auf
Pointe statt auf Persönlichkeit. Im Laufe des Abends aber
wendet sich das vordergründig vergnügliche Stück aus
dem Herzen der Provinz in eine gewalttätig aufgeladene Hetzjagd.
Ein Stück über den Fremdenhaß und damit
'brandaktuell"
könnte man meinen, doch das Stück ist
nur von scheinbarer Aktualität. Die einfachen Erklärungen,
die Fassbinder in den sechziger Jahren, als die ersten Gastarbeiter
in Deutschland heimisch wurden, für den Hass gefunden hat,
wirken heute einigermaßen verniedlichend und taugen nicht als
Ansatz einer Analyse von Rassismus und Ausländerhysterie. An dem
engagierten und überwiegend überzeugendem Spiel der
Schauspielschüler ändert das freilich nichts. Nächste
Vorstellungen am 6., 10. und 13. Dezember Beginn jeweils 19.30
Uhr.
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Leben im Zwischenzustand Schauspielschule
Genzmer führt " Mercedes" von Thomas Brasch auf
jp. - Arbeit - Maß
der Kraft -Dienst - Tätigkeit. Das Wort der Worte: Beruf. Von
einer Zeit, der die Arbeit ausgeht, handelt Thomas Braschs Stück
" Mercedes" , das die Schüler der traditionsreichen Wiesbadener
Schauspielschule Genzmer jetzt auf dem Freudenberg aufführten. Der
Junge Sakko und das Mädchen Oi leben in einer Art Zwischenzustand
mit unsicherer Zukunft. Beide, arbeitslos oder arbeitsfrei,
vertreiben sich ihre " Freizeit" auf eigene Art: Er zählt
die vorbeifahrenden Autos der Marke Mercedes und träumt dabei
von einem eigenen. Sie klaut in Saunas Kleider und Brieftaschen.
Eine fremde Macht interessiert sich für deren " Innenleben" ,
ihre Gedanken und Gefühle. Deren Versuchsanordnungen bilden
den eigentlichen Rahmen des Stückes, die für den Zuschauer aber
nur indirekt erkennbar sind. Während der Versuchsreihe lernen
sich die beiden immer besser kennen und es kommt zu teils witzigen,
teils absurden Situationen. Die jungen Schauspielschüler
der gesamten Jahrgangsstufen der Schauspielschule haben sich
an der Vorlage abgearbeitet: Das Dreipersonenstück wurde mit
verteilten Einsätzen gespielt. Durch den ständigen Wechsel entstand
eine zusätzliche Spannung in der Handlung. Das Bühnenbild war
mit zwei Stühlen und einem mannshohen, länglichen Holzwürfel,
der jenach Bedarf anders platziert wurde, sehr spärlich. Durch
die karge Umgebung wurden die Akteure in den Vordergrund gerückt.
Die verschiedenen Akteurinnen der Oi hatten als gemeinsames
Erkennungszeichen sehr bunte, fetzige T-Shirts und bildeten
damit auch die einzigen Farbtupfer in einer Welt ohne realen
Mercedes. Davon träumte einst bereits Janis Joplin in ihrem
Song " Mercedes Benz" , der das Ende des Stückes bildete.
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Wiesbadener
Kurier, 31.01.2000,
Blick
in den verwundeten Schädel der Jugend Schauspielschule
Genzmer führte " Mercedes"
von Thomas Brasch auf
" Lessness"
nannte Samuel Beckett jenes Gefühl, das man im Deutschen mit
"
Losigkeit"
übersetzen könnte. Das Leben als
freier Fall. Der Schriftsteller Thomas Brasch versuchte genau dieses
Gefühl in sein Stück " Mercedes" aufzunehmen. Es
erzählt von der Haltlosigkeit, der Orientierungslosigkeit und
der Hoffnungslosigkeit einer Generation, die nicht die seine ist. Es
könnten die heute 20-Jährigen sein. Eine Generation, die
die Regellosigkeit zur Regel erhebt, nicht freiwillig, sondern
zwangsläufig. Martin Plass, freier Schauspieler und Dozent an
der Schauspielschule Genzmer, hat das
Stück nun Mit 22 Darstellern mit seinen Schauspielschülern
und -schülerinnen inszeniert. Eigentlich ist " Mercedes"
ein Zwei-Personen-Stück. Doch Plass lässt gleich 22
Darsteller agieren. Das ist durchaus folgerichtig, handelt es sich
bei den beiden Hauptfiguren doch um die Prototypen einer Generation:
Oi, das flippige Mädchen mit Faible für die rauschhaften
Augenblicke und Sakko, der arbeitslose Junge mit von Träumen
verklebtem Kopf in der dünnen Luft. In der Inszenierung von
Martin Plass wird der Charakter einer Versuchsanordnung in den
Umbauten deutlich. Jeweils zwei Darsteller bauen die Szenen um und
drapieren Oi und Sakko in die unterschiedliche Szenerien. Oi und
Sakko als Laborratten der Gesellschaft, die den Ernstfall, der sich
Leben nennt, schon mal im Käfig testen. Dabei zeigt sich, dass
Brasch der Jugend tief in den verwundeten Schädel schaut. Heraus
kommt eine Generation, die schon längst keine Angst mehr hat und
die lernen musste, dass keine Arbeit zu haben genauso traurig macht,
wie eine zu haben. Was die Schauspielschüler angesichts der
minimalen Probenzeit von etwa zwei Wochen auf die Bühne bringen,
ist durchaus beachtlich. Natürlich gibt es Unterschiede.
Schließlich spielen Anfänger mit Abschlusskandidaten
zusammen. Manch einem merkt man an, dass er nicht wirklich versteht,
was er so schön auswendig gelernt hat. Andere jedoch drücken
den Szenen ihre eigene Signatur auf. Michael Meyer und Marina Marusic
präsentieren sich als gut eingespieltes Paar. Auch Nicole
Krause, Nina Hecklau und Julia Becker sieht man gerne zu. Sehr schön
dann das Schlussbild: Alle Darsteller stehen greinend und jammernd
auf der Bühne. Eine irritierende Massenszene, die im Kopf
bleibt. Shirin Sojitrawalla
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Wiesbadener
Kurier, 21.06.1999,
Ein
Haus für Kunst und Pädagogik Schauspielschule Genzmer
feiert neues Domizil " Triptychon" Von Baugerüsten
und Dreck befreit, wurde am Wochenende das ehemalige Militärkasino
Camp Pieri mit einem bunten Fest eröffnet: " Triptychon"
nennt sich das Haus für Kunst und Pädagogik fortan. In dem
langgezogenen Bau, in dem zuvor die " Kulturschmiede" zu
finden war, sind einige neue Mieter eingezogen. So auch die
Schauspielschule Genzmer, die früher
in der Adolfsallee zu Hause war. Nach langen Verhandlungen wurde ihr
das neue Domizil auf dem Freudenberg zugesprochen, was besonders auf
Initiative des Kulturamts geschehen sei, wie die Leiterin der
Schule, Brigitte Östreicher, erzählt. In den schönen,
neuen Räumen steht den 27 Schülern jetzt auch ein großer
Saal mit Bühne zu Verfügung, der frühere
Veranstaltungsort der " Kulturschmiede" . Doch Brigitte
Östreicher möchte auch mit neuem Bühnensaal nicht mehr
Veranstaltungen als früher anbieten: " Wir sind primär
dafür da, junge Leute auszubilden" . Am Wochenende, zur
Einweihung des " Triptychons" , feierten die
Schauspiel-Schüler mit Gesangsnummern, Pantomime und Schauspiel-
Stückchen ihr neues Zuhause. Außer einer kleinen
Probebühne stehen ihnen noch ein Requisiten- und ein
Aufenthaltsraum sowie ein Büro- und Unterrichtszimmer zur
Verfügung. Außer der Schauspielschule sind in dem
Gebäude mit der schönen Adresse Butterblumenweg 5 das
"
Arco-Forum"
, ein Verein der Erlebnispädagogik, die
Clowns Doktoren, das Tanzstudio Balance, ein Mimentheater, die
Musikproduktion Kirsten & Schmidt und eine Musikwerkstatt
untergebracht. Ferner haben einige Künstler dort ihr Atelier
eröffnet. Die dritte Sparte des Hauses gehört den
Kindern. Unter dem Dach befindet sich die Montessori-Schule, und im
Erdgeschoß und im 1. Obergeschoß ist das Kinderhaus
Freudenberg zu finden. Das " Triptychon" - eine
buntgemischte Wohngemeinschaft für Kinder und Kultur. soj
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