Presse-Archiv

Wiesbadener Tagblatt vom 04.11.2006
Von Shirin Sojitrawalla

Der zornige Blick zurück in die 50er

Wartburg: Schauspielschule mit Osborne-Stück

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Schauspiel-Szene mit Bülent Özdil und Anna Lena Habeck.
Foto: Schauspielschule

WIESBADEN " Blick zurück im Zorn" von John Osborne gehört zu jenen Theaterstücken aus den 50er Jahren, denen beim Lesen zuweilen ein etwas modriger Geruch entfährt. Sein Protagonist Jimmy Porter, ein aus der Arbeiterklasse stammender zorniger junger Mann, rebelliert gegen jeden und alles, aber am Ende doch nur gegen sein eigenes kleines Leben. Im SPD-Jargon: ein Mensch in Problemlage. Aber nicht nur das macht das Stück aktuell. Die Wiesbadener Schule für Schauspiel hat sich den Osborne-Klassiker vorgenommen und unter der Regie von Martin Plass mit Bedacht umgesetzt.

In der Wartburg zeigen die vier jungen Schauspieler beachtliches Format, allen voran Bülent Özdil, der es bestens versteht, sich in den furiosen wie sprachlich brillanten Wutausbrüchen verbal auszutoben. Aber auch Anna Lena Habeck in der Rolle seiner Ehefrau Alison überzeugt mit ihrem verletzlichen Puppengesicht

Eckard Burk hat die Bühne spärlich eingerichtet: Zwei Sessel, Couchtisch, Esstisch mit Stühlen, im Hintergrund eine improvisierte Küche, eine Kommode mit Süßigkeiten, schließlich verdient Jimmy seinen Lebensunterhalt als Bonbonverkäufer. Dahinter steht zu Anfang Alison am Bügelbrett, und das FftFft-Geräusch der Wassersprühflasche klingt wie ein letzter Versuch, die erhitzte Atmosphäre doch noch abzukühlen. Später wird ihre Freundin Helena Charles diesen Platz eingenommen haben und mit denselben routinierten Bewegungen ihre Hausfrauenrolle ausführen. Julia Mann spielt sie als zickig spitze Person. Der einzige, der einigermaßen unbeschädigt aus dem Stück herauskommt, ist Cliff. Christian Schwarz gibt ihn als gutmütigen Zeitgenossen, der gerne auf einen Harmonieknopf drücken würde, wenn es ihn denn bloß gäbe.

Derweil provoziert Jimmy die Menschen, die ihn umgeben, bis aufs Blut. Ruhelos ist er, der so gerne quält, weil ihm selbst sein Dasein als einzige Qual erscheint. Martin Plass kann sich dabei nicht nur auf seine Schauspieler verlassen, sondern vor allem auch auf einen Text, der die verbalen Eskapaden seines Hauptdarstellers grandios einfängt.

Weitere Vorstellungen am 4. und 5. 11., 20 Uhr in der Wartburg, sowie vom 22. bis zum 25. Februar 2007 im Bürgersaal des Georg-Buch-Hauses.


Wiesbadener Tagblatt vom 31.10.2006
von Marianne Kreikenbom

Der Einzelunterricht ist bundesweit einmalig
Wiesbadens Schule für Schauspiel mit Prädikatsabschluss /Umzug vom Freudenberg ins Georg-Buch-Haus?

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Schauspielschüler traten mit dem selbst inszenierten Stück " Helle Nacht" in der Kreativwerkstatt auf dem Schlachthofgelände auf.
Foto: wita/Uwe Stotz

Die heutige Wiesbadener Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem Ziel der Bühnenreife.

Seit zwei Jahren heißt die ehemalige Schauspielschule Genzmer schlicht und einfach nur noch Wiesbadener Schule für Schauspiel und wird von Dr. Verena Plümer und Martin Plass geleitet. " Wir haben damals die Gelegenheit genutzt, nicht nur alles etwas zu entstauben, ein neues Konzept zu entwickeln und den Lehrplan zu erweitern, sondern auch um uns von einem Personennamen zu trennen." Dass manche aus alter Gewohnheit immer noch " Genzmer-Schule" sagen - c´est la vie.

Ohnehin haben die Wiesbadener von " ihrer" Schauspielschule in der Vergangenheit nur wenig Notiz genommen. Aber auch das soll sich in Zukunft ändern. Ein Anfang ist längst gemacht mit Internetauftritt und Newsletter (www. schauspielschule-wiesbaden. de), regelmäßigen Aufführungen eigener Theaterproduktionen und Auftritten bei Veranstaltungen der Stadt.

Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Wiesbadener Staatstheater fördere die öffentliche Wahrnehmung, meint Plass. " Deshalb freuen wir uns, dass wir auch in diesem Jahr wieder an drei Spielterminen mit einer unserer Inszenierungen in der Wartburg gastieren dürfen." Gemeint ist John Osbornes Stück " Blick zurück im Zorn" .

Martin Plass kennt noch die frühere Adresse der Schauspielschule im Hinterhof der Adolfsallee 35. Dort war der gebürtige Wiesbadener von 1984 bis 1987 selbst einmal Schüler. " Ohne die Schauspielausbildung hätte ich nie erfahren, was ich kann." Nach dem Abschluss folgten Stückverträge in Mainz, Darmstadt und Frankfurt, Sprecherjobs und ab 1998 die Tätigkeit als Dozent an der Schauspielschule in Wiesbaden. Martin Plass arbeitet bis heute freiberuflich.

Verena Plümer studierte Germanistik in Dortmund und verbrachte nebenbei ihre freie Zeit als " Mädchen für alles" an den Städtischen Bühnen, wo sie nach dem Studium zur Regieassistentin ausgebildet wurde und von Oberspielleiterin Annegret Ritzel außerdem einen Schauspielvertrag erhielt. Sie war in verschiedenen Städten als Schauspielerin und Regisseurin engagiert, kam schließlich nach Wiesbaden ans Theater und 1997 als Dozentin an die Schauspielschule. Deren Leitung übernahm sie 2004 und holte Martin Plass mit ins Boot.

Schon 1999 hatte die Schule ein paar Räume im umgebauten ehemaligen amerikanischen Militärkasino auf dem Freudenberg bezogen. Keine Dauerlösung, wie sich inzwischen herausstellte. Der Platz ist knapp geworden, etwa für den Einzelunterricht, auf den man in Wiesbaden stolz ist, weil es so etwas bundesweit an keiner anderen Schauspielschule mehr gibt. Der kleine Saal für die Vorstellungen gehört zur Hälfte " arcor" -Erlebnispädagogik und wird durch eine hellhörige Schiebewand geteilt. " Die Erweiterung unseres Stundenplans hat die Situation weiter verschärft" , erklärt Plass. Trotz eines Anstiegs der Bewerber ist wegen fehlender Raumkapazität an eine Vergrößerung der Schülerzahl nicht zu denken.

Allerdings scheint Hilfe in Sicht. Das seit zehn Jahren leer stehende städtische Georg-Buch-Haus in der Wellritzstraße ist als neues Quartier im Gespräch. " Es gibt positive Signale." Der Ortsbeirat Westend habe den Magistrat aufgefordert, über die Vergabe zu entscheiden. Von einem " magischen Moment" , da alle Beteiligten zufrieden wären, spricht Plass.

Im Mai 2001 erhielt Wiesbadens Schauspielschule ihre staatliche Anerkennung, was bedeutet, dass es einen mit dem hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst abgestimmten Lehrplan und eine Qualitätssicherung der Ausbildung gibt und das Prädikat der Bühnenreife vom Ministerium bestätigt wird. Zudem sind die Schüler Bafög-berechtigt.

Rechtsträger des privaten Instituts ist ein gemeinnütziger Verein. Die Finanzierung erfolgt zum überwiegenden Teil aus Schul- und Fördergeldern. Letztere stammen vom hessischen Wissenschaftsministerium und vom Kulturamt Wiesbaden. Während die Stadt ihre Zuschüsse in den vergangenen Jahren kontinuierlich gekürzt hat, sind die Beiträge des Landes unverändert geblieben. " Darüber sind wir heilfroh." Externe Aufträge wie das Katastrophentraining für Mitarbeiter der Deutschen Lufthansa verhalfen der Schule in den vergangenen Jahren ebenfalls zu Einnahmen.

Nur knapp reiche das Schulgeld für den Unterricht, auch wenn die Dozenten ein recht bescheidenes Honorar bekommen. An der Schule unterrichten gegenwärtig sechzehn qualifizierte freie Mitarbeiter: vom Fechtlehrer und Kendotrainer bis zu gestandenen Berufsschauspielern. " Lauter Idealisten, die ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben."

Lesen Sie morgen: Blick zurück im Zorn


Wiesbadener Tagblatt vom 1.11.2006
von Marianne Kreikenbom

Über Nacht berühmt
Abschlusskandidaten der Schauspielschule zeigen Erfolgsstück

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Die Hauptrollen der Herbstproduktion werden mit Abschlusskandidaten und Absolventen einer Klasse besetzt.
Bei " Blick zurück im Zorn" sind es unter anderem Bülent Özdil als Jimmy und Julia Mann als Freundin Helena.
Foto: wita / Uwe Stotz

Die heutige Wiesbadener Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem Ziel der Bühnenreife.

Nur ein Jahr älter als jetzt Schauspielschüler Bülent Özdil in der Rolle des Jimmy Porter war John Osborne 1956 bei der Uraufführung seines Stückes " Blick zurück im Zorn" am Royal Court Theatre in London. Der Dreiakter für vier Personen machte den damals 26-jährigen Autor nicht nur über Nacht berühmt, sondern ließ nachfolgend auch den Titel zur bis heute geläufigen Redewendung werden.

In der Inszenierung von Martin Plass, der gemeinsam mit Dr. Verena Plümer die Wiesbadener Schule für Schauspiel leitet, hat Osbornes Stück am morgigen Donnerstag (2. November) in der Wartburg Premiere. Mit regelmäßig zwei Eigenproduktionen pro Jahr wartet die Wiesbadener Schauspielschule auf. Rechnet man " Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)" fürs Wilhelmstraßenfest und das in der " Kreativfabrik" aufgeführte Schul-Projekt " Helle Nacht" hinzu, dann kommt man in diesem Jahr sogar auf vier Produktionen, sagt Plass.

Zum alljährlichen Standard gehört im Frühjahr die Produktion eines klassischen und im Herbst die Produktion eines modernen Stücks. Dass seit längerem immer er die modernen und Verena Plümer immer die klassischen Stücke inszeniere, sei purer Zufall, sagt Plass. Bedenkt man den Aufwand und die eher bescheidene Größe der Schule, darf man getrost den Hut vor der Gesamtleistung ziehen. Finanzielle Zuschüsse gewähren das Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie das Wiesbadener Kulturamt.

Die Hauptrollen der Frühjahrs- und Herbstproduktionen werden jeweils mit den Abschlusskandidaten respektive Absolventen einer Klasse besetzt. Bei " Blick zurück im Zorn" sind es Bülent Özdil als Jimmy und Anna Habeck als seine Frau Alison. Jimmys spätere Freundin Helena wird von Julia Mann dargestellt. Sie steuert im Mai 2007 ihren Abschluss an, während Christian Schwarz im Dezember die Zwischenprüfung absolviert und als Cliff seine erste große Rolle in einer hauseigenen Produktion übernimmt.

John Osborne gilt als " Urvater" der " Angry young men (zornigen jungen Männer)" , einer Gruppe junger englischer Autoren, die in den 50er Jahren ungewöhnlich offen, direkt und in drastischer Sprache gegen das englische Klassen- und Herrschaftssystem protestierten. Die Protagonisten ihrer Dramen und Romane leiden an Weltverdrossenheit, Selbstmitleid, Resignation und ohnmächtigem Zorn. Aber weder dem kleinbürgerlichen Alltag noch und ihrem hoffnungslosen Leben können oder wollen sie entrinnen.

Auch Jimmy Porter ist so einer. Er hat Alison, die Tochter aus gutem Hause, gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet und lebt gegen alle Konventionen damaliger Zeit mit ihr und seinem Freund Cliff in einer Wohngemeinschaft. Jimmys Rebellion richtet sich gegen alles und jeden. Auch gegen Alison, die ihn verlässt, als sie schwanger wird, aber nicht aufhört Jimmy zu lieben, obwohl er inzwischen mit Helena liiert ist.

Während der Herbstferien laufen die Proben auf Hochtouren in einem winzigen Bühnenraum mit Faltwand, die nur für Vorstellungen aufgeschoben wird, weil die andere Hälfte des Raumes " arco" Erlebnispädagogik e.V. gehört. Also: dritter Akt, erste Szene. Helena am Bügelbrett, Jimmy mit der Zeitung und Cliff mit einem Werbeblatt in den Sesseln. " Hast du von dem irren Sündenpfuhl in Mittelengland gelesen?" fragt Jimmy. Cliff horcht auf. Sonntagnachmittag und die Stimmung in der WG ist gut. Jimmy sorgt für Unterhaltung. Ganz allmählich aber entwickelt sich aus dem allgemeinen Spaß ein ernsthaftes Gespräch. " Die gute Sache, für die man sich einsetzt, die gibt´s nicht mehr" , konstatiert Jimmy und fühlt sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Die anderen, die vorher lebten, haben schon alles erledigt. Das Stück sei inhaltlich so sehr den 50er Jahren verhaftet, dass es sich als Ganzes nicht nach heute übersetzen lässt, ist Plass überzeugt. Wenn man das begriffen habe, passe es trotzdem, das Gefühl von Wut und Ohnmacht zum Beispiel.

Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit, die Jimmy umtreiben, kenne auch er, sagt Bülent. Vor drei Jahren ist er aus Nürnberg an die Wiesbadener Schauspielschule gekommen. Wäre es nach seinen Eltern gegangen, hätte er Anglistik studieren sollen. Aber schon nach der ersten Vorlesung war für ihn der Fall erledigt. " Meine Mutter fragte, was ich wirklich will, und als meine Eltern merkten, dass es mir nicht darum geht, unbedingt berühmt zu werden, sondern um Leidenschaft, da waren sie überzeugt und haben mich unterstützt." Er habe inzwischen Einladungen zum Vorsprechen am Theater, so der 25-Jährige auf die Frage, was er nach dem Abschluss plane.

Lesen Sie morgen: Auch Schreien will gelernt sein


Wiesbadener Tagblatt vom 2.11.2006
von Marianne Kreikenbom

Auch Schreien will gelernt sein
Ausbildung des Wohlklangs der Stimme

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Die Logopädin Martha Fischbach mit Absolventen der Schauspielschule bei der Arbeit.
Foto: RMB/Friedrich Windolf

Die heutige Wiesbadener Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem Ziel der Bühnenreife.

Ein lang anhaltendes mehrstimmiges " Tschschsch..." dringt aus dem Praxisraum der Logopädin Martha Fischbach in der Adelheidstraße. Oder ist es ein " Pschschsch..." ? Egal. Wie das Zischen von hundert Schlangen hört es sich an. Der Blick ins Zimmer beruhigt: sieben Wiesbadener Schauspielschüler machen sich warm für zwei Unterrichtsstunden Atem-Stimme-Sprechen. Arm über Kopf oder Arm angewinkelt hinter dem Rücken mit der Hand auf den unteren Rippen - und ausatmen: " Tschschsch!"

Zwischendurch fragt Martha Fischbach nach den gefühlten Veränderungen. Ihre Stimme sei entspannter, stellt Linda fest. " Damit ihr heute Abend in Hochform seid" , ermuntert Martha Fischbach. Seit Tagen proben alle intensiv für das Projekt " Helle Nacht" . Es ist eine Art Werkschau unter dem Motto " Schauspielschüler führen Regie" . Auf dem Programm " eine hintersinnig-düstere Montage aus klassischen, modernen und selbstverfassten Szenen und Texten" .

Aber noch liegen Linda, Elif, Greta, Johanna, Michelle, Gregor und Christian mit geschlossenen Augen und in warme Decken gehüllt bei Frau Fischbach auf dem Spannteppich. Sie spüren dem Strahlen eines imaginären Diamanten nach, das aus der Körpermitte die Stimme nach außen trägt. Ganz leicht und wie von selbst entsteht ein Summen, dessen Resonanz den gesamten Körper in Schwingung versetzt.

Vor drei Jahren übernahm Martha Fischbach von einer Kollegin das Fach Atem-Stimme-Sprechen an der Wiesbadener Schauspielschule. " Zu mir kommen alle Schüler im ersten Ausbildungsjahr." Die eingemummelten, summenden jungen Damen und Herren auf ihrem Teppich absolvieren im Dezember die Zwischenprüfung. Martha Fischbach schafft eine gute Grundlage für die Sprecherziehung. Ihr Unterricht konzentriert sich auf die physiologischen Voraussetzungen des Sprechens, deren Wahrnehmung und Nutzung.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten unterscheidet sich ihr Fach von der Sprecherziehung, die in der Tradition rhetorischer Bildung steht und die sprechkünstlerische Stimm- und Aussprachebildung sowie die Lese- und Vortragslehre in den Vordergrund rückt.

Logopädie bedeutet Sprachheilkunde, und so behandelt Martha Fischbach überwiegend Sprachstörungen, etwa wenn einem Schauspieler, Sänger oder Berufssprecher die Stimme versagt. Bei ihren Schauspielschülern ist das zum Glück nicht der Fall. Nur hin und wieder ein harmloses Lispeln oder ein kleines Problem mit den Zischlauten. Aber das lasse sich leicht beheben. Kern der Logopädie sei es, eine belastete Stimme zu entlasten und Methoden ihrer ökonomischen Nutzung zu vermitteln. " Dieser Ansatz gilt nicht nur für die kranke Stimme, sondern genauso für die gesunde, aber stark beanspruchte."

Wer als Schauspieler mit dem Instrument Stimme arbeitet, der ist durchaus einem Hochleistungssportler zu vergleichen. Ein untrainierter Laie beispielsweise wäre auf der Bühne des Kleinen Hauses schon nach einem Akt " Faust II" stockheiser. Martha Fischbach leistet gewissermaßen Präventionsarbeit, damit den zukünftigen Profis so etwas nicht passiert. " Ich versuche meinen Schauspielschülern möglichst viel Selbsthilfe mit auf den Weg zu geben." Ausgewogene Atmung, richtige Körperhaltung sowie ein gewisses Maß an Körperbewusstsein und Körpergefühl zählen zu den Voraussetzungen, soll die Stimme in allen Höhen und Tiefen wohlklingend und lenkbar funktionieren.

Jeder muss seine Wohlfühlstimme finden, sagt Martha Fischbach. Eine Mittellage, die zu ihm (oder ihr) passe, ganz ohne Anstrengung, Verspannung oder Kratzen im Hals. " Auch Schreien will gelernt sein" , fügt sie hinzu. Am liebsten übe sie das draußen im Freien. Lautstärke werde nicht durch Muskelkraft erzeugt, wie viele glauben und ihrer Stimme damit auf Dauer schaden. " Laut sprechen wir nicht durch mehr Anspannung unserer Halsmuskulatur, sondern durch Atem und innere Stimmenergie." Das ist ein langer Lernprozess. Aber er lohnt sich. Gut ausgebildete Schauspieler erfüllen mit dem lebendigen Klang der puren Stimme riesige Theaterräume ganz ohne Kopfmikrofon.

Gegen Ende des Unterrichts sitzen Martha Fischbachs Schüler auf Stühlen im Kreis und üben das Sprechen resonanzstarker M-Wörter. " Mümmelmann-Mummenschanz-Mammutbaum-Mittagsmahl" , skandieren sie mit Betonung. Welches Übungswort würde jeder für die bevorstehende Helle-Nacht-Vorstellung wählen? " Auf geht´s" , schlägt Greta vor.

Lesen Sie morgen: Junge Talente in der Probezeit


Wiesbadener Tagblatt vom 3.11.2006
von Marianne Kreikenbom

Die Kunst immer wieder bei Null zu beginnen
Das Improvisieren steht für die jungen Schauspiel-Talente während der Probezeit auf dem " Stundenplan"

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Talente auf Probe.
Die Schauspielschüler Iris Hassenzahl und Christian Becker während des Improvisationsunterrichts.
Foto: RMB / Heiko Kubenka

Die heutige Wiesbadener Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem Ziel der Bühnenreife.

Insgesamt sechzehn junge Frauen und Männer zwischen 18 und 25 Jahren werden gegenwärtig an der Wiesbadener Schule für Schauspiel ausgebildet. Hinzu kommen seit September zwölf Kandidaten in der Probezeit. So viele wie lange nicht. Über den Andrang freut sich das Leitungsteam mit Dr. Verena Plümer und Martin Plass. Auch wenn er angesichts einer ohnehin schwierigen Raumsituation zusätzliche Probleme bedeutet. Das Arbeits- und Aufenthaltszimmer des Leitungsduos ist zugleich allgemeiner Empfangsraum und Durchgang zur Bühne. Manchmal tritt man sich im Wortsinn wegen der Enge gegenseitig ein wenig auf die Füße.

Gymnastikmatte an Gymnastikmatte liegen die Probezeitler Frederick, Melanie, Christian, Lilli, Klara, Georg, Ronny, Maria, Iris, Karoline und Daniela auf der kleinen Bühne und entspannen sich für den Improvisationsunterricht bei Martin Plass. Ganz frei soll der Kopf werden fürs Schauspielen. Immer wieder bei Null zu beginnen, ist eine Kunst, die gelernt sein will. Gute Schauspieler basteln sich eine neue Figur nicht aus dem Fundus schon einmal so und so gespielter Rollen zusammen, sondern erschaffen sie jedes mal neu. Mit aller Intensität und mit allem Selbstzweifel. Alles auf Anfang.

Es komme nicht darauf an, keine Fehler zu machen, erklärt Plass den Neulingen. Einfach nur spielen. Ohne Angst, aber auch ohne Zwang besonders einfallsreich oder witzig sein zu wollen. Das ist gar nicht so leicht, wenn man neben der eigenen kleinen Szene auch ans Ganze denken, einen Dialog entwickeln, dem Bühnenpartner zuhören und ihm Spielmöglichkeiten anbieten soll. Bei der Improvisation gibt es keine festen Texte zum Auswendiglernen. Die Situation wird nur grob umrissen und die Charaktere kurz skizziert.

Plass erinnert an das Szenario: Zehnte Klasse auf Klassenfahrt, eine Party ist geplant, die mitfahrende Lehrerin hat private Probleme und zudem Zoff mit ihrem Lehrerkollegen, unter den Schülern gibt es diverse Spannungen. Nicht blocken, nicht aussteigen, die Psychologie der eigenen Figur und die Dynamik des Geschehens im Auge behalten, heißt das Ziel. So recht klappt das diesmal noch nicht.

Neben Selbstdisziplin gehöre eine gewisse Leidensfähigkeit zum Beruf, weiß der gelernte Schauspieler Plass. Es sei schon ein hartes Brot, wenn einem der Regisseur zwanzig Mal und öfter am Tag erklärt, was alles falsch sei und wie es besser wäre und dann ganz am Schluss vielleicht auch noch ein Rezensent einen bitterbösen Verriss in die Zeitung setze.

Eine dreimonatige Probezeit, wie sie in Wiesbaden vor der Aufnahmeprüfung angeboten wird, gibt es an vielen anderen deutschen Schauspielschulen nicht. Doch der Vorteil des Verfahrens liegt auf der Hand. Schließlich ermöglicht es die Probezeit den Kandidaten, grundlegende Erfahrungen zu sammeln, sich auszuprobieren und zu prüfen, ob Schauspielerin oder Schauspieler tatsächlich der richtige Beruf ist.

Für die 20-jährige Elif Esmen aus Wiesbaden stand das außer Zweifel, als sie im April dieses Jahres nach Ablauf ihrer Probezeit zur Aufnahmeprüfung antrat (und sie bestand). Die ehemalige Schülerin des Gymnasiums am Mosbacher Berg absolvierte nach dem Abitur zunächst ein Praktikum an der Schauspielschule. " Als meine Eltern merkten, mit welcher Begeisterung ich von der Schule erzählte und wie ernst es mir mit dem Schauspielwunsch war, hatten sie nichts mehr dagegen." Klar herrsche bei Eltern oft Skepsis gegenüber den späteren Berufschancen. " Aber es liegt an mir, was ich daraus mache" , ist Elif überzeugt. Außerdem könne man heute auch als gelernte Bankkauffrau arbeitslos werden, fügt sie hinzu. Dafür entdecke sie so viele neue Seiten an sich, wie das in keiner anderen Berufsausbildung der Fall gewesen wäre.

In der Probezeit lässt sich erkennen, ob jemand die grundsätzliche Fähigkeit zur Darstellung besitzt und über eine grundsätzliche Sensibilität im Spiel mit einem Bühnenpartner verfügt, ob Stimmpräsenz, Raumgefühl, Körperbewusstsein und Natürlichkeit vorhanden sind - kurz: ob sich ein Talent als bildbar erweist. Die Zahl der Bewerber schwanke von Semester zu Semester, sagt Martin Plass. Trotzdem könne man die Schülerzahlen nicht limitieren und den Erfolg der Einrichtung nicht nur an der Quantität der Studierenden und Absolventen messen. " Es ergibt keinen Sinn, wenn wir Schauspieler ausbilden, von deren Talent wir nicht überzeugt sind." Eine nicht bestandene Aufnahmeprüfung sei kein Gottesurteil, sondern eine subjektive Einschätzung. Deshalb steht es jedem frei, sein Glück noch einmal anderswo zu versuchen.

Lesen Sie morgen: Rollenstudium der Klassiker


Wiesbadener Tagblatt vom 4.11.2006
von Marianne Kreikenbom

Schräge Typen und verschiedene Temperamente
Im Einzelunterricht hartes Rollenstudium der Klassiker / Vermittlungsagenturen zeigen reges Interesse

Die heutige Wiesbadener Schule für Schauspiel hat eine lange Tradition. Sie wurde 1952 von der Schauspielerin Hertha Genzmer als private Einrichtung gegründet und bietet seither jungen Leuten eine dreieinhalbjährige professionelle Ausbildung mit dem Ziel der Bühnenreife.

" Dass Cassio sie liebt, das glaub ich wohl. Dass sie ihn liebt, ist denkbar und natürlich. Der Mohr, obschon ich ihm von Herzen gram, ist liebevoller, treuer, edler Art, und wird für Desdemona, denk ich, sicher ein wackrer Ehemann." Die Sätze des Jago aus Shakespeares Tragödie " Othello" werde ich wohl mein Lebtag nicht wieder vergessen. Sie klingen zeitlos und lebendig, wenn man sie beim Sprechen genau auf den Punkt bringt. So als seien sie nicht wie im Fall " Othello" schon vor über 400 Jahren geschrieben worden. Das sei die hohe Kunst des Schauspielers in klassischen Stücken, sagt Dr. Verena Plümer, Leiterin der Wiesbadener Schauspielschule und freie Regisseurin.

Im zweistündigen Einzelunterricht bei ihr arbeitet und feilt Ali Murtaza an seinem Jago-Monolog, der insgesamt nicht länger als siebenundzwanzig Zeilen ist. Immer wieder spricht er die einzelnen Sätze - jedes Mal ein wenig anders und immer ein wenig besser. Nach zwei Semestern Schauspielschule hat Ali gerade seine Zwischenprüfung bestanden. Erst danach beginnt das Rollenstudium im Einzelunterricht. Der stellt an Schauspielschulen in Deutschland keine Regel dar. " Soweit wir uns umgetan haben, sind wir die einzigen, die Einzelunterricht im Lehrplan haben."

Ali gehört zu den inzwischen zahlreichen Schauspielschülern, die keine deutschen Muttersprachler sind. Seine Familie stammt aus Pakistan. Er selbst spricht Deutsch, wie man es sich besser nicht wünschen kann. In gewisser Weise sei die Wiesbadener Schauspielschule international, denn auch junge Leute aus türkischen und iranischen Familien studieren hier, erzählt Verena Plümer. Häufig kämen deshalb Anfragen von Agenturen. Die Schauspielschüler mit dem so genannten Migrationshintergrund sind gefragt. " Film und Fernsehen haben entdeckt, dass Deutschland interkulturell ist."

Aber auch sonst zeigen die Vermittlungsagenturen großes Interesse. " Wir bieten interessante Gesichter, auch schräge Typen und verschiedene Temperamente, also junge Schauspieler, die nicht aussehen und sind wie alle." Das wird von den Agenturen durchaus positiv zur Kenntnis genommen. " Nach der Zwischenprüfung und in Absprache können die Schüler solche Angebote wahrnehmen, das mildert den späteren Praxisschock." Auch der Lehrplan reagiert entsprechend, etwa mit Workshops zum Thema Camera Acting (Arbeit vor der Kamera), die Film- und Fernsehschauspieler Wolfgang Packhäuser veranstaltet.

Zurück zu " Othello" , jenem Stück, das allgemein als Musterbeispiel eines Eifersuchtsdramas gilt. In der Szene, die Ali probt, wird Jago klar, dass er die Schicksalsfäden der Hauptfiguren Othello, Desdemona und Cassio in den Händen hält. Er will alle drei vernichten und überlegt innerhalb weniger Sekunden, wie er das anstellt. " Jago ist souverän, dachte ich, er besitzt Coolness, wie Robert De Niro" , erläutert Ali seine Rolleninterpretation. Coolness sei richtig, erwidert Verena Plümer. " Aber über diese Coolness funktioniert seine Manipulation." Ali konzentriert sich auf das Gesagte, nickt, und spricht die Sätze noch einmal.

Verena Plümer verfolgt sein Spiel mit höchster Aufmerksamkeit, unterbricht, schlägt vor, gibt zu Bedenken, erklärt, hakt nach. Ein unglaublich intensives und individuelles Arbeiten. Im Dialog klopfen Dozentin und Schauspielschüler den Sinn der Worte ab, legen den Charakter der Figur frei, prüfen die Bedeutung einer Geste, den Tonfall einer Frage. Klar ist Jago ein Intrigant. Doch er gilt allen als kreuzehrlicher Mann. " Der größte Fehler beim Intriganten ist, wenn du spielst, dass du intrigierst." Die zwei Stunden Rollenstudium vergehen wie im Flug. Auf die Zeit achtet niemand, und nur ein anderer Termin hält Verena Plümer davon ab, Ali den letzten Satz doch noch einmal sprechen zu lassen.

Anders als in modernen Stücken liege bei den Klassikern das Thema nicht unbedingt auf der Hand, meint Verena Plümer. " Man muss ein bisschen suchen, um zu entdecken, dass es da nicht um lebensferne `olle´ Konflikte geht, sondern um zeitunabhängige und heute noch aktuelle Probleme." Jungen Leuten fällt diese Texterschließung anfangs oft nicht leicht. Hilfreich für das Verständnis vergangener Epochen erweist sich das Fach Theatergeschichte, das Carola Hannusch, Dramaturgin am Wiesbadener Staatstheater, unterrichtet.

Der eigentliche Unterschied zu einem modernen Stück sei die Sprache. Bei den Klassikern stehe sie als Widerstand zwischen dem Schauspieler und der Figur, was eine hohe sprechtechnische Herausforderung bedeutet. " Das heißt, ich muss als Schauspieler die Satzstrukturen so aufknacken, dass mein gesprochener Text wie ganz normale Sprache klingt, und das ist wahnsinnig schwer."

Ende der Serie


Wiesbadener Tagblatt vom 2.6.2006

Sie sind reif für einen Hollywood-Stern
" Die drei M´s" verlassen als hoffnungsvolle Absolventen die Wiesbadener Schule für Schauspiel

Von Marianne Kreikenbom

Männlicher Nachwuchs an Schauspielschulen sei rar, meinte vor Jahren ein Theatermann. Denn in der Mehrzahl würden sich junge Mädchen bewerben. Das wechsele von Aufnahmeprüfung zu Aufnahmeprüfung, sagt indes Verena Plümer. Gemeinsam mit Martin Plass leitet sie die Wiesbadener Schule für Schauspiel (ehemals Genzmer) im Freudenberger Tryptichon.  

In der Schule für Schauspiel erhielten gestern Abend gleich drei hoffnungsvollen junge Männer die Abschlussdiplome: Mirek Machnik, Marcel Schüler und Mehmet Kucak. Mit dem Erwerb der Bühnenreife steht ihrem erfolgreichen Start ins Berufsleben nun eigentlich nichts mehr entgegen. Zumal Verena Plümer den drei Absolventen bei aller Verschiedenheit der Charaktere, Temperamente und Stärken viel Talent nachrühmt.
Im Februar 2003 hatten Mirek, Marcel und Mehmet - auch " die drei M´s" genannt - ihr Studium in Wiesbaden begonnen. Sechs Semester später bilden sie die Abschlussklasse, mit der Verena Plümer die Hauptrollen ihrer diesjährige Klassikerinszenierung " Clavigo" besetzte.
" Ihr habt für uns die Ausbildung sehr spannend gemacht" , erklärte sie nach der vom Publikum stürmisch gefeierten letzten Vorstellung des Goethe-Stücks. Unverwechselbare Schauspieler seien sie geworden. " Wir sind stolz auf euch." Nicht nur freundliche Abschiedsworte seien dies, sondern die verdiente Anerkennung darstellerischer Leistungen. An den zurückliegenden vier Theaterabenden überzeugten Mirek Machnik jedenfalls als wankelmütiger Clavigo, Marcel Schüler als elegant-raffinierter Carlos und Mehmet Kucak als impulsiv agierender Beaumarchais.

Junge und nun auch diplomierte Schauspieler aus Leidenschaft: Marcel Schüler, Mirek Machnik und Mehmet Kucak mit ihren Lehrern Verena Plümer und Martin Plass (ganz rechts).
Foto: RMB/Heiko Kubenka

Was veranlasst jemanden Schauspieler zu werden? " Die pure Leidenschaft" , antworten alle drei wie aus einem Mund. Welche Pläne haben sie jetzt - Theater, Film oder Fernsehen? " Wir sind offen für alles" , entgegnet Mirek und Mehmet flachst: " Ich will einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame." Mit kleinen Rollen in ZDF-Fernsehfilmen wie " Ein Fall für zwei" wäre der Anfang sozusagen schon gemacht.
Mirek und Marcel haben während des Studiums bereits in verschiedenen Inszenierungen auf der Bühne des Wiesbadener Staatstheaters gestanden. Georg Büchners Danton und die Rolle des Grafen vom Strahl in Kleists " Käthchen von Heilbronn" würden Mirek reizen.
Marcel nennt indes Shakespeare und Tschechow als bevorzugte klassische Autoren. In jeder Rolle, an der man mit Begeisterung arbeite, sei man gut, findet Mehmet. Nur was von Herzen komme, gehe zu Herzen, zitiert er Goethe.
Im Unterschied zu anderen Schauspielschulen befürworten Plümer und Plass die Praxiserfahrungen ihrer Studenten. Nicht allein wegen der Möglichkeit des Ausprobierens im " richtigen Leben" , sondern vor allem wegen der Kontakte, die sich daraus ergeben. Auch eine dreimonatige Probezeit nach bestandener Aufnahmeprüfung und der Einzelunterricht zählen zu den Vorteilen ihrer Schule, die Hertha Genzmer 1952 gegründet hat.
Das private und seit 2001 staatlich anerkannte Institut wird heute von einem gemeinnützigen Verein getragen und von der Stadt und dem Land finanziell unterstützt. Mehr als dreißig Schüler insgesamt könne und wolle man nicht aufnehmen, erklärt Plass. " Wir platzen jetzt schon aus allen Nähten." Gespräche über einen Umzug ins Westend laufen inzwischen.


Wiesbadener Kurier vom 29.05.2006

Bis schließlich alle Verlierer werden
Die Wiesbadener Schule für Schauspiel zeigt Goethes " Clavigo"
 
Von Eva Wodarz-Eichner

WIESBADEN Wie immer ist die Frau das Opfer. Sie, die Verlassene, weint ihrem zerplatzten Traum von einem Leben mit dem geliebten, erfolgreichen und gut aussehenden Mann hinterher - er hat sie auf dem Weg nach oben verlassen. Ihr Bruder dürstet nach Rache, der geliebte/gehasste Mann wird von seiner Vergangenheit und seinen Gefühlen eingeholt und weiß nicht, wie damit umzugehen. Und dann ist da noch ein guter Freund, der diabolisch rät und handelt: " Clavigo" , Goethes Trauerspiel, ist ein subtiles Psychodrama, in dem es nur Verlierer gibt.

Das Stück wurde vom 24-Jährigen im Mai 1774 in nur acht Tagen heruntergeschrieben - als eine Art literarischer Beichte, nachdem er seine Geliebte Friederike Brion Hals über Kopf verlassen hatte. " Clavigo" wurde ein voller Erfolg. Jetzt auf die Bühne gebracht von den Absolventen der Abschlussklasse der Wiesbadener Schule für Schauspiel unter der Regie von Verena Plümer. Immer an Clavigos Seite (Mirek Machnik) ist dessen Freund Carlos, dem Marcel Schüler Gestalt verleiht: Er begleitet den Wankelmütigen mahnend, ratend, aufwiegelnd und besänftigend in facettenreichem Spiel. Rasen vor Wut und gekränktem Bruderstolz darf Mehmet Kucak in der Rolle von Maries Bruder Beaumarchais, während sich Julia Mann als Maries große Schwester Sophie als immer fröhlicher, kuppelnder Mutter-Ersatz zeigt. Doch das gelingt nur bedingt.

Marie, mit rot geränderten Augen und von der Schwindsucht gezeichnet, halb verrückt geworden, wird das Opfer der Männer. Anna Habeck beeindruckt in dieser Rolle, wenn sie ihre gemarterte Seele bloßlegt, wenn sie einen kurzen Moment Hoffnung schöpft, obwohl sie weiß, dass Clavigos Liebe längst geschwunden ist. Clavigo selbst dagegen scheint gar nichts zu wissen - hin und her gerissen zwischen Pflicht und Mitleid, zwischen aufblitzendem Gefühl und Angst vor Beaumarchais´ Rache, stellt Mirek Machnik den jungen Karrieristen eindrücklich als zweites Opfer dar: Als Opfer von Beaumarchais, als Opfer von Carlos´ Rat und als Opfer seiner eigenen Zerrissenheit.

Schade nur, dass recht unbekümmert mit der Goetheschen Vorlage umgegangen wird: So ballert der Wiesbadener Clavigo zum Schluss wild um sich, erschießt Maries Bruder und irrt mit den Worten " Ewig der Eurige" von der Bühne, statt von Beaumarchais niedergestreckt und von seiner Schuld befreit mit Marie im Tod vereint zu werden. Begeisterter Applaus für eine sehenswerte Produktion mit talentierten jungen Schauspielern.

Weitere Aufführungen finden heute sowie am Dienstag und Mittwoch, 30. und 31. Mai, 20 Uhr, im Tryptichon, Butterblumenweg 5, statt.


Frankfurter Rundschau v. 07.12.2005, S.17, Ausgabe: S Stadt
Von Julia Brünner

Effekt und Konzentration
Schauspielschüler in Wiesbaden


Es gibt ein Vorspiel zu der Aufführung: Im Foyer der Wiesbadener Wartburg läuft ein Video, mit dem das Staatstheater aber nicht etwa auf andere Produktionen hinweist, sondern das Publikum in Doku-Soap-Manier mit den Figuren aus Einer flog übers Kuckucksnest bekannt macht. Das erinnert kaum an den Film mit Jack Nicholson, der ihm Mitte der Siebziger einen Oscar brachte.
Auf der Bühne ist die Anziehungskraft der Figuren viel größer, dank des berührenden Spiels von Schülern der Wiesbadener Schule für Schauspiel. Sphärenmusik plätschert in einen klinisch-weißen Bühnenraum, der so nüchtern ist, wie man sich eben eine psychiatrische Anstalt vorstellt (Bühne: Eckard Burk). Er lenkt nicht ab von den Leistungen der jungen Darsteller.
Schurke McMurphy (mehr Schönling als Raubein: Christian Kröhl), der dem Arbeitslager in die Psychiatrie entkommen will, bringt zunächst Leben in den Alltag der Insassen. Statt Mau-Mau zu spielen, pokern der panische Dale Harding (Bülent Özdil), der stotternde Billy Bibbit (Marcel Schüler) und der halluzinierende Martini (Mehmet Kucak) nun mit Porno-Quartettkarten. Nur Ruckly (Ali Murtaza) und Häuptling Bromden (Berat Korkmaz) lassen sich erstmal nicht beeindrucken. Anders Schwester Ratched (Simone Jürgens), die die Fassung verliert angesichts von McMurphys Verstößen gegen die Klinikordnung. Vieles ist lustig in dieser Bühnenfassung des sozialkritischen Romans von Ken Kesey: Martini benutzt eine Zigarette als Mikrofon, Billy stottert sich Manches zurecht. Macken, die die Darsteller einerseits effektsicher nutzen, andererseits allerdings vernachlässigen, wenn sie gerade nicht mit Text an der Reihe sind.
Die Hauptfiguren haben in der zunehmend an Fahrt gewinnenden Inszenierung von Martin Plass etwas Liebenswertes. Besonders Ratched ist so gar keine fiese, strenge Oberschwester – zur Gruppensitzung kommt sie mit hochgeschlitztem Rock und offenem Haar. Und versucht zwar, streng zu klingen, geht aber fast mütterlich-weich mit ihren Patienten um. Sogar ein kleiner Flirt entspinnt sich, mit McMurphy, dem Anstaltsrebellen. Aber der wird, wie im Film, schließlich endgültig ruhig gestellt.


Darmstädter Echo, 18.11.2005

Romeo und Julia im Sexshop

Schauspielschule - Das harte Training macht den guten Schauspieler - Mit " Abklatsch-Improvisationen" durch die Probezeit

Wiesbaden. " Man kann sich ein Leben ohne Schauspielen einfach nicht vorstellen, das hat fast etwas Zwanghaftes" , beschreibt Verena Plümer die entscheidenden Voraussetzungen des Schauspielerberufs. Außer Talent, Leidensfähigkeit und Glück braucht ein Schauspieler enormes Durchhaltevermögen. " Viele halten es einfach nicht aus zu warten, bis der Agenturanruf endlich kommt und werfen vorher das Handtuch." Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt würden vor allem für Bühnenschauspieler immer schlechter. Deshalb rate sie im Vorgespräch auch jedem Bewerber erst einmal von dem Beruf ab.
Abklatsch-Impros als Einstieg
Trotzdem haben sich auch dieses Jahr wieder etwa zehn jungen Leute von ihrem Berufsziel nicht abbringen lassen und proben nun in dem kleinen Bühnenraum hinter dem Büro unter Anleitung von Schauspieler und Regisseur Martin Plass so genannte " Abklatsch-Impros" . Die jungen Nachwuchstalente müssen abwechselnd auf der kleinen Bühne bis zum nächsten Klatschen aus den Zuschauerreihen in spontan vorgegebene Rollen und Situationen schlüpfen. So lösen im Halbminutentakt Märchenfiguren im WalMart den bekifften Willi und die Biene Maja im Coffeeshop ab. Angela Merkel und Gerhard Schröder palavern in einer Parfümerie, bevor Romeo und Julia sich im Sexshop angesichts der vielen Sexspielzeuge schnell einem Orgasmus nähern.
Verena Plümer und Martin Plass sind die Leiter der privaten Wiesbadener Schule für Schauspiel, die zum Verein " Schauspielschule Genzmer" gehört. Etwas versteckt in Wiesbaden-Dotzheim liegt die von Schauspielerin Hertha Genzmer 1952 gegründete Ausbildungsstätte, die auch der bekannte Schauspieler Horst Janson besuchte. Witta Pohl und andere namhafte Schauspieler sollen ebenfalls früher an dieser Schule gewesen sein, was aber nicht belegt ist, da alte Unterlagen fehlen.
Von Anfang an arbeitet das Institut eng mit dem Hessischen Staatstheater zusammen. Seit 2001 können an dem Institut die Aspiranten aus dem ganzen deutschsprachigen Raum auch einen staatlich anerkannten Abschluss als Schauspieler machen. Das hat Institutsleiterin Brigitte Östreicher erreicht.
Das Besondere an dieser Schule ist nicht nur das fast erreichte Eins-zu-Eins-Verhältnis zwischen Studierenden und Dozenten, das auch jedem Schüler den Luxus von wöchentlichem Einzelunterricht ermöglicht, sondern auch die dreimonatige Probezeit vor dem Tag der eigentlichen Aufnahmeprüfung.
Bereits in Vorgesprächen treffen die Dozenten eine Auswahl von knapp einem Dutzend Talenten unter den Bewerbern, die sich dann erst einmal bewähren müssen. Dabei werde die Motivation genau beleuchtet. Große Illusionen machten sich die Bewerber aber nicht und wenn, " setzen wir die schon auf den Topf" , so Plümer.
Bei der Auswahl werde vor allem auf einen ausgeprägten Charakter mit Ecken und Kanten geachtet. Ziel sei es, nicht bestimmte Modetrends und glatte Typenschubladen zu bedienen, die sich in jeder Dekade änderten. Zum Glück sei man hier nicht so eingefahren wie etwa in Hollywood. Statt dessen setze man auf starke Individualität und das komme bei den " Agenturen sensationell gut an" , sagt Plümer.
Lufthansa hilft bei der Finanzierung
Die Schule sichert ihre Finanzierung aus verschiedenen Quellen. Zum einen müssen die Schüler ein Schulgeld von 350 Euro monatlich bezahlen. Darüber hinaus erhält die Schule von der Stadt und vom Land Fördermittel. Als vierte Einnahmequelle konnte sich das Institut vor etwa sechs Jahren einen Dauerauftrag der Deutschen Lufthansa sichern. Als erstes deutsches Unternehmen nutzte die Lufthansa für die Ausbildung ihrer " Careteam" -Mitarbeiter das Improvisationstalent der jungen Schauspieler und Dozenten. Diese stellen gekonnt Angehörige von Katastrophenopfern dar, wie etwa nach dem Tsunami in Asien oder nach Flugzeugabstürzen. Im so viel authentischeren Rollenspiel schulen die Lufthansamitarbeiter ihre psychologischen Fähigkeiten im direkten Gespräch oder auch als Hotlinebetreuer.
Weit weniger lukrativ sind da die halbjährlichen Aufführungen, die die Schüler im letzten Ausbildungsjahr auf die Bretter bringen müssen. Die Bühne hinter dem Büro fasst nur 80 Zuschauer. Deshalb sucht das Institut auch nach größerem Räumen in der Wiesbadener Innenstadt, was aber nicht bedeutet, dass es sich vergrößern will. Mehr als etwa 20 Schüler auf einmal bildet die Schule nämlich nicht aus. Die Probe-Romeos und Julias sind bereits auf dem besten Wege, in diesen auserwählten Kreis aufgenommen zu werden.


Wiesbadener Kurier vom 12.09.2005

 

Szenische Reise durch den nächtlichen Wald
Schauspielschule Genzmer mit Arbeitsproben

Von Corinna Spatz-Moritz

Liebe und andere Kriegsschauplätze

WIESBADEN Gut zu Fuß mussten die Zuschauer im Butterblumenweg sein, um " Liebe und andere Kriegsschauplätze" mitzuerleben. Die Wiesbadener Schule für Schauspiel, bekannt als Schauspielschule Genzmer, hatte eingeladen, um Arbeitsergebnisse der Schauspielschüler in einer szenischen Reise zu zeigen. So ging es denn, begleitet von Donnergrollen, vom Studio ins Büro, vor die Tür und in den Wald, wo in Monologen und Dialogen Texte von Shakespeare bis Heiner Müller erfahrbar wurden. Eingestimmt wurde der Zuschauer bereits im Foyer, in dem sich der eine oder andere Protagonist der Schärfung seiner Figur widmeten.

Die Vorsprechsituation, Alptraum eines jeden Rollenaspiranten, bildete den Auftakt mit einer Szene aus " Bitte leise zum nächsten Bild" von Georg Weber, in der Bülent Özdil als nervöser Bewerber und Mirek Machnik als wohlmeinender Regisseur überzeugten. Marivaux´ " Der Streit" trugen Lucia Müßig und Berat Korkmaz aus. Erarbeitet hatte die Szene Mehmet Kucak im Rahmen eines Regieworkshops. Endgültig gefangen nahm dann Cechovs " Heiratsantrag" . Marcel Schüler als Lomov verlieh der nervlichen Mitgenommenheit des Mannes vor dem alles entscheidenden Augenblick, an Hüftzucken, Schüttelfrost und Weinkrämpfen leidend und sich an der kümmerlichen Rose in seiner Hand so panisch festhaltend, dass diese zur Wünschelrute für das große Gefühl mutiert, hinreißend Ausdruck. Simone Jürgens in der Rolle der resoluten Natalja Stepanovna hatte mit diesem Häufchen Elend kein Einsehen.

Im " Zerbrochnen Krug" verfocht Ruprecht alias Berat Korkmaz vor dem imaginären Dorfrichter und der Geliebten, mitfühlend verkörpert von Teresa Gnaser, seine Sache, Bülent Özdil rechnete in einer Szene aus " Jack und Jill" von Jane Martin mit dem " netten Kerl" ab, und Julia Mann beklagte auf Schlesisch ihr Schicksal als unehelich schwangeres Dienstmädchen Pauline Piperkarcka aus Hauptmanns " Die Ratten" . Die Friedensvision von Max Piccolomini aus " Wallenstein" , nachvollzogen von Marcel Schüler, ging einer originellen Fechtszene mit Christian Kröhl und Bülent Özdil voraus. Den Shakespeareschen " Sommernachtstraum" träumten Anna Habeck und Bülent Özdil, bevor Mehmet Kucak als Graf Wetter sich Kleists " Käthchen von Heilbronn" zuwandte. Eine Demonstration des Stockkampfes Kendo fügte sich nahtlos in den szenischen Ablauf ein Goethes " Clavigo" oder Büchners " Dantons Tod" folgten, je nach Wahl des Publikums und der Bestuhlung des jeweiligen Spielortes.

Dass es sich bei Simone Jürgens´ " Kassandra" aus Walter Jens´ " Der Untergang" und Christian Kröhls " Hamlet" aus Heiner Müllers " Hamletmaschine" bereits um - hervorragende - Ergebnisse aus der Vorsprechrollenarbeit des Abschlussjahrgangs der Schauspielschule handelte, war der Intensität der Monologe anzumerken. Jeden Schauplatz hätte man mit diesen Nachwuchsschauspielern in Augenschein genommen.


Wiesbadener Tagblatt vom 21.02.2005

Subtiles Drama
Schauspielschule zeigt Moliéres " Menschenfeind"

Von Marianne Kreikenbom



Mit einem echten Klassiker überrascht die Eigenproduktion der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer in diesem Jahr und zeigt Moliéres " Le Misanthrope" oder " Der Menschenfeind" in der Regie von Verena Plümer.
Dieses Meisterwerk im Versgewand führt uns Alceste (Jan Opderbeck) vor Augen und Ohren, einen gnadenlosen Ankläger von Lug und Trug in der Gesellschaft und kompromisslosen Kämpfer für die Wahrheit um jeden Preis. Dass ausgerechnet er die lebenslustige, leichtfertige und viel umworbene Céliméne (Janine Berendes) liebt, ist eine Art Achillesferse, an der er heftig zu leiden hat.

In Céliménes Haus begegnet er all jenen, die er zutiefst verachtet. Es stört Alceste wenig, dass man sich über ihn lustig macht. Ganz im Gegenteil empfindet er sogar Stolz auf seine Rolle als notorischer Außenseiters und erfüllt sie mit grimmiger Würde. Darsteller Jan Opderbeck verleiht ihr einen Grad distanzierter Überheblichkeit und penetranter Rechthaberei, während Christian Kröhl der klugen Urbanität des unermüdlich treuen Freundes Philinte freundlichen Ausdruck verleiht. Von den Damen beeindruckt vor allem Simone Jürgens komödiantisches Talent als nur scheinbar ach so tugendhafte Arsinoe, die es als falsche Schlange faustdick hinter den Ohren hat.

Charme und Esprit des Stücks schöpft Moliére nicht aus dem bekannten Komödienreservoire von Intrige, Verwechslung, Zufall und Übertreibung. Bei einem Minimum an äußerer Handlung entfaltet er die Konflikte aus den Charakteranlagen seiner Figuren. Allesamt gehören sie zur besseren Gesellschaft, was im 17. Jahrhundert Moli´Zres die große Welt der Pariser Salons bedeutet, und Leute von Rang und Namen meint. Auf der Bühne im " Triptychon" am Butterblumenweg tragen sie moderne Stöckelschuhe und rückenfreies Abendkleid oder lässige dunkle Anzüge und Sonnenbrille, sitzen auf rotem Sofa, futtern Pralinen und schlürfen bunt gestylte Partydrinks. Hier agiert eine sozial nicht genau bestimmbare Gruppe von Zeitgenossen, zu der Moliéres gereimte Texte einen merkwürdigen Kontrast bilden. Ungeachtet dessen hat das Thema seit seiner Pariser Uraufführung 1666 kaum etwas an Aktualität verloren. Seine Zeitlosigkeit gründet vor allem auf der Ambivalenz des Protagonisten Alceste. Man kann das Stück sowohl als ironisches Porträt eines Außenseiters wie auch als hintergründige Gesellschaftssatire lesen. Bei Verena Plümer ist es im Kern " ein subtiles Beziehungsdrama über die fesselnde Macht der Leidenschaft" .

Weitere Aufführungen: 25., 26 und 27. Februar jeweils 20 Uhr im Triptychon,
Butterblumenweg 5. Kartenvorbestellung: 0611/303526.


MAINZER ALLGEMEINE ZEITUNG, 1.7.2004

Der eine wird zum Folterer, der andere zum Opfer
Gastspiel in den Mainzer Kammerspielen:
ein weiteres Stück des Italieners Fausto Paravidino, die Politparabel " Peanuts" `
 
Von unserem Mitarbeiter Alfred Balz

Dass der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Hilmar Kopper einmal zum Paten eines italienischen Theaterstücks werden würde, konnte er nicht ahnen, als er die millionenschwere Schneider-Pleite als " Peanuts" verharmloste. Die 7. Politparabel des 28-jährigen Theaterprovokateurs Fausto Paravidino ist ein von Kopper, Brecht und der flotten Comicsprache der " Peanuts" inspiriertes Abfallprodukt seiner eigenwilligen Auseinandersetzung mit dem G8-Wirtschaftsgipfel in Genua 2001. In dem jetzt in den Mainzer Kammerspielen gezeigten Stück zeichnet er ein erschreckendes Bild seiner eigenen Generation, deren Zukunft so perspektivlos wie unmenschlich erscheint.

Foto: Genzmer
  Wenn aus lässigen Jugendlichen aggressive Desparados werden: Szene aus Fausto Paravidinos " Peanuts" .
Foto: Genzmer

Ein junges Team aus Licht, Ton, Sounddesignern, Bühnenbildnern, zehn Schauspielern und einem Triumvirat am Regiepult hat das bedrückend realistische Stück erarbeitet. Alle außer Regisseur Martin Plass sind Auszubildende der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer. Das merkt man den textsicher und kraftvoll aufspielenden Youngsters allerdings nicht an. Im ersten Teil des Stückes erleben wir eine Jugendclique Erdnüsse kauend und Cola schlürfend vor der Glotze. Es ist nicht ihre Bude, die sie da nach und nach in Besitz nehmen und schließlich verwüsten. Buddy, der Underdog des Stückes, sollte eigentlich auf die Wohnung der reichen Leute aufpassen, bis schließlich der Sohn des Hausherren aufkreuzt und die Situation eskaliert.
Paravidino zeigt Typen beiderlei Geschlechts, wie sie uns täglich begegnen - modern, ohne Seele, aber mit Markenbewusstsein. Die lethargischen Pop-, Fussball- oder Fernsehsüchtigen mit den flotten Sprüchen taumeln ohne Sinn und Ziel durch eine Welt, die nicht die Ihre ist und sie zunehmend gewalttätig, berechnend oder - im Falle von Buddy - unterwürfig werden lässt.
Die Überraschung folgt nach der Pause: Ein Zeitsprung von 10 Jahren versetzt die gleichen Akteure mit verteilten Rollen in die Atmosphäre eines Gefängnisses. Es sind jedoch nicht politische Gefangene, sondern gestrauchelte, gedemütigte und zerstörte Individuen, denen die eigene Sorglosigkeit zum Verhängnis wurde. Die Aufspaltung der Charaktere in Folterer und Opfer folgt der inneren Logik der Figuren, die durch ihre Persönlichkeitsstruktur vorgegeben ist.
So bleibt für den im Grunde aufrichtigen Buddy nur der Drecksjob des Unteraufsehers. Erst die befohlene Hinrichtung seines Freundes " Minus" lässt ihn revoltieren, und er spürt in einer geschickten Rückblende seiner Jugend und den verpassten Chancen nach.


WIESBADENER TAGBLATT, 26.01.2004
Mörderische Späße
" Peanuts" bei der Schauspielschule Genzmer

Von Marianne Kreikenbom
Der heute 27-jährige, als Schauspieler und Autor in Rom lebende Fausto Paravidino habe die Politik wieder für das Theater entdeckt, hieß es hierzulande enthusiastisch über sein Stück " Peanuts" (Noccioline). Nach den Ereignissen des G8-Treffens in Genua vor drei Jahren geschrieben, wird es gegenwärtig an mehreren deutschen Bühnen aufgeführt. Mit Schülern aller Studiengänge inszenierte es nun auch Martin Plass an der Schauspielschule Genzmer in Wiesbaden.
Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Globalisierungsgegnern im Sommer 2001 wurden ein junger italienischer Demonstrant von einem jungen italienischen Polizisten erschossen und insgesamt 500 Demonstranten zum Teil schwer verletzt. Dass beiderseits der Barrikaden Vertreter ein und derselben Generation und Sozialisation standen, inspirierte Paravidino zur Dramatisierung des Themas. Seine zweiteilige Szenenfolge sollte in Sprache und handelnden Personen an die Peanuts-Helden des Comic-Meisters Charles M. Schulz erinnern. In denen entdeckte der junge Autor bühnenreife " Beckettfiguren" .
Mögen sich bei ihm Anspruch und Umsetzung auch nicht immer die Waage halten, manches ungereimt und anderes vordergründig erscheinen, einen Treffer landete Plass mit der Wahl des Stückes allemal. Nicht zuletzt haben sich die Akteure hier mit einem Schreiber auseinanderzusetzen, der nicht viel älter ist als sie selbst. Paravidinos anvisierte Comicart gelingt der Wiesbadener Inszenierung überzeugend vor allem im zweiten Teil, dann allerdings mit so mörderisch bösen Späßen, dass einem das Lachen vergeht. In Teil eins wird viel geschrien, viel geblödelt, viel fern gesehen und viel Party gefeiert. Bedeutungsschwer, aber eigentlich konterkarierend begleiten Parolen die Miniszenen. " Revolution und neue Techniken des Kampfes" beispielsweise, wenn jemand einfach nur mal alles kurz und klein schlägt.
Neun Jugendliche okkupieren eine fremde, von Kumpel Buddy nur gehütete Komfortwohnung und verwüsten sie. Zehn Jahre später begegnen sich alle auf einer Polizeistation wieder: überzeugte oder willfährige Handlanger eines autoritären Staates die einen - von ihnen Geprügelte und Erniedrigte die anderen. Die Schluss-Szene, in der Buddy (Mirek Machnik) dem einstigen Freund Minus (Mehmet Kucak) die Dienstpistole an den Kopf hält und einen Moment lang überlegt, ob die Geschichte auch hätte anders verlaufen können, ist eine der eindrucksvollsten dieser beachtlichen Ensembleleistung. Unbedingt ansehen!

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Pepper, Ausgabe 4 * 2004
Peanuts
Moral im zeitgenössischen Theater?
Premiere in der Schauspielschule Genzmer

Das Stück ist ideal für uns" , schwärmt Martin Plass. „Hier habe ich junge Schauspieler, keine 35-Jährigen, die ich auf jung trimmen muss." Das Stück, das ihn so begeistert, sind Fausto Paravidinos „Peanuts" . Die jungen Schauspieler, mit denen Plass arbeitet, sind die Schüler der Schauspielschule Genzmer, die 1952 von Hertha Genzmer in Wiesbaden gegründet wurde. Das private Institut ist eine kleine, aber feine Einrichtung, in der die Schülerinnen und Schüler in dreieinhalb Jahren ausgebildet werden. Seit Mai 2001 ist die Schauspielschule staatlich anerkannt. Getragen wird sie von einem gemeinnützigen Verein. Sie finanziert sich aus den monatlichen Beiträgen der Schüler sowie städtischen und Lan­desmitteln.
Pro Jahr entstehen in den Räumen im Butterblumenweg auf dem Wiesbadener Freudenberg zwei Produktionen. „Normalerweise machen wir kleinere Sachen, weil uns für mehr die Räume fehlen" , erklärt Martin Plass, der derzeit zusammen mit Dr. Verena Plümer die Schule leitet, weil die eigentliche Leiterin, Brigitte Östreicher, aus gesundheitlichen Gründen pausieren muss.
Mit den „Peanuts" wird Plass allerdings das Tryptichon gleich neben den Räumen der Schule bespielen. Das Stück ist das siebte des 1976 in Genua geborenen Autors. Deutsche Theaterkritiker hat es derart begeistert, dass es als bestes ausländisches Stück ausgezeichnet wurde.
Paravidino wollte ein Stück über seine Generation schreiben. Während er in den Anfängen steckte, wurde seine Geburtsstadt zur Festung umgebaut, damit sich die Regierungschefs der acht größten Wirtschaftsnationen der Welt dort treffen konnten: G 8-Gipfel 2001. Noch bevor die hohen Herrn am Runden Tisch Platz nahmen, jagte die Nachricht um die Welt, dass in den Straßen-Schlachten zwischen Globalisierungsgegnern und der Polizei ein junger Carabiniere einen jungen Demonstranten erschossen hat. Fausto trat sein Stück in die Tonne. Denn so apathisch, wie er seine eigene Generation gesehen hatte, war sie offenbar doch nicht.
„Peanuts" beginnt zehn Jahre vor Genua. Buddy beaufsichtigt die Wohnung von reichen Leuten. Nach und nach nisten sich seine Freunde bei ihm ein. Die Wohnung verwandelt sich langsam aber sicher in eine Müllkippe. Der Fernseher geht irgendwann zu Bruch -uups - und bleibt nicht der einzige Schaden. Als Schröder, der Sohn der Hausherren, auftaucht, verkrümeln sich die Jugendlichen. Schröder fragt Buddy, ob sie seine Freunde seien und Buddy antwortet „nein!" .
Zehn Jahre später trifft sich die Clique aus der Wohnung zufällig wieder - auf einer Polizeiwache in Genua. Die meisten von ihnen sind inhaftierte Demonstranten. Andere stehen auf der anderen Seite. So spiegelt die Polizeiwache exakt die Wohnung wieder. Der einzige, der zehn Jahre zuvor zwischen den Stühlen saß, hatte sich ja schlussendiich für eine Seite entschieden. Heute ist Buddy Polizist. Sein Chef, der Leiter der Wache, ist Schröder.
Paravidino zeichnet die Spaltung der Gesellsellschaft trennscharf mit Hilfe klassischen Täter/ Opfer-Trennung. Folter darf in diesem Kontext nicht fehlen. Mal ist es psychischer Druck, mal körperliche Gewalt, was die festgesetzten Demonstranten zu erdulden haben. Und plötzlich ist einer der Demonstranten tot. Es gibt einen Augenzeugen. Schröder befiehlt Buddy, diesen hinzurichten. Und Buddy beginnt über ein „JA!“ nachzudenken. Hätte alles anders kommen können, wenn er seine Freunde vor zehn Jahren nicht verleugnet hätte?
Das ist es, was die Theaterkritiker so für die „Peanuts" eingenommen hat. „Moral? Wir dachten, das wäre im
  Theater vorbei" , lacht Martin Plass.

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Wiesbadener Kurier vom 22.01.2004
Mit Konsequenzen f
ür den Unterricht
Probenbesuch in der Schauspielschule Genzmer/ Premiere Peanuts" am 23. Januar
Von Kurier-Mitarbeiterin Corinna Spatz
Janine, hast du jetzt die Hot-pants?" Die Angesprochene, eine Schauspielschülerin mit Schweizerkreuz auf dem T-Shirt, hat gesucht und gefunden, wuselt jetzt auf die Bühne und nickt Regisseur Martin Plass bestätigend zu. Hektik herrscht im „Triptychon" , im Freudenberger Butterblumenweg: Eine der letzten Proben für das Stück „Peanuts" von Fausto Paravidino steht an diesen Freitag, 20 Uhr, ist Premiere. Bis dahin will das Ensemble der Schauspielschule Genzmer noch einige technische Finessen, wie Ton- und Bildeinspielungen, verändern.

Martin Plass lacht: „Aber es wäre direkt unnormal, wenn jetzt schon alles fertig wäre. Das muss so sein!" Zehn angehende Schauspieler und Schauspielerinnen zwischen 18 und 25 Jahren nehmen mit Hilfe des Autors (Jahrgang 1976) ihre Generation unter die Lupe.

Das G8-Treffen 2001 in Genua und seine gewalttätigen Auswüchse waren für Paravidino Anlass, sich mit den Auswirkungen einer Politik im Stile Berlusconis auf die Gesellschaft auseinanderzusetzen. „Theater heute" zeichnete „Noccioline" , wie das Stück im Original heißt, jüngst als bestes ausländisches Stück aus.

Für Plass waren es jedoch in erster Linie unterrichtspraktische Gründe, die zur Auswahl von „Peanuts" führten: „Wir wollten ein Stück, in dem alle Schüler, aus allen drei Ausbildungsjahren, spielen sollten. Und das Stück hat natürlich Konsequenzen für den Unterricht: Einmal wegzukommen vom naturalistisch Psychologischen." Die Herangehensweise entspricht den 23 comicartig kurzen Szenen, die durch Musikeinspielungen verbunden werden.

Buddy, Protagonist des Stücks, hütet die Wohnung reicher Leute. Nach und nach nisten sich seine Freunde in der sturmfreien Bude ein und hinterlassen jede Menge Müll und Zerstörung. Lediglich Buddy bügelt, poliert und verzweifelt schließlich wie ein Sisyphus der Ordnungsliebe. Im richtigen Leben auf der Bühne muss er das nicht, denn vor dem Umbau zum zweiten Teil packt alle Schauspielschüler die Putzwut. Jeder macht hier alles, und das gilt für Licht, Ton und Requisiten ebenso wie für das Putzen der Bühne.

Stehen im ersten Teil des Stücks noch der 58-Zoll-Bildschirm des Fernsehers und jugendliche Kabbeleien im Vordergrund, schlägt der zweite Teil, zehn Jahre später angesiedelt, ins Politische um. Die Jugendlichen von einst sind ins Alter von Pumps und Pullundern gekommen. Die Spaltung von Besitzenden und Abhängigen setzt sich als Unterteilung in Aufseher und Insassen einer repressiv geführten Gefängnisanstalt fort. Buddy gibt sich selbst und seiner einst mangelnden Solidarität mit seinen Freunden die Schuld an der Entwicklung. Er imaginiert ein Zurückdrehen der Zeit, um eine zweite Chance zu erhalten. „Eine Chance haben wir ja auch noch" , ist der Regisseur zuversichtlich und meint damit die Generalprobe, bei der dann auch die letzten technischen Probleme noch gelöst werden.

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WIESBADENER KURIER, 31. August 2002
Auf Witta Pohls Spuren
Wiesbadener Schauspielschule Genzmer feiert 50. Jubiläum

von Arjen-Joachim Jakobi
" Black!" - Die Stimme der Regisseurin zerschneidet das Schweigen. " Licht!" - Mühelos wechseln die Schauspielschüler zur nächsten Szene: Frank Eller reglos auf dem Bett liegend, Svenja Aßmann voller Ungeduld nervös umherstreifend und Thordis Howe als Mutter ermattet in scheinbar stoischer Ruhe auf dem Stuhl im Gastzimmer sitzend: Momente einer Probe zu Camus' " Das Missverständnis" , das, gespielt von den Eleven der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer, am heutigen Samstag auf dem Freudenberg Premiere feiern wird.
Wiesbaden hat eine Schauspielschule? Oh ja. Und das schon seit 50 Jahren. Dass die Schule der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist, liegt nicht zuletzt an den seltenen Aufführungen. " Es ist zwar schön, nette Leute zu unterhalten - wir sind jedoch in erster Linie dazu da, die jungen Leute auszubilden. Da lassen sich die vielen Proben oft nicht mit dem Unterricht vereinbaren" , erklärt Brigitte Östreicher, die Leiterin der Schule.
Seit nunmehr 50 Jahren also besteht die Schauspielschule als Wiesbadener Institution. Ihr Ruf geht jedoch über die Grenzen der Region hinaus. Gegründet 1952 von der Schauspielerin Hertha Genzmer, wurde ihr im Mai 2001 der Titel " Staatlich anerkanntes Institut" verliehen. Was nach Behördendeutsch klingt, hat für Schule und Studenten weitreichende Konsequenzen: In erster Linie finanzielle - denn subventioniert wird die private Schule vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie vom Kulturamt Wiesbaden. Durch den staatlich anerkannten Abschluss wurden die Studenten zudem BAFöG-Förderungsfähig und in die Arbeitslosenversicherung aufgenommen.
Obwohl einige ehemalige Schüler den Schritt zum Fernsehen gewagt haben, so etwa die aus der TV-Serie " Diese Drombuschs" bekannte Witta Pohl, will der " überwiegende Teil der Studenten beim Theater bleiben" , so Östreicher.
Darauf werden die Schauspielschüler von zwölf Dozenten in Theorie und Praxis umfassend vorbereitet. Zum Unterricht gehört neben der körperlichen Ausbildung wie Stimmbildung, Tanz, Ballett, Pantomime und Fechtunterricht auch Rollenstudium und Darstellungsunterricht, sowie Grundlagen der Theater- und Literaturgeschichte. Dass die Dozenten dabei keine einheitlichen Ausbildungskonzepte verfolgen, ist Brigitte Östreicher persönlich sehr wichtig. " Die Schüler müssen später unter ganz unterschiedlichen Regisseuren arbeiten können. Da hilft es nichts, wenn sie sagen: Das habe ich aber so nie gelernt!" Nach mindestens sieben Semestern werden die Studenten schließlich in die professionelle Bühnenwelt entlassen.

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FAZ - Rhein Main, 29. August 2002
Eine Schule des Lebens wie der Kunst
50 Jahre Schauspielinstitut Genzmer / " Narzißtische Selbstdarsteller können wir nicht gebrauchen"

von Susanne Braitsch
" Wer Schauspieler werden will, muß nicht nur über darstellerisches Talent verfügen, sondern sollte auch ein Gespür für andere Menschen mitbringen und sich kritisch mit seiner Umgebung auseinandersetzen" , beschreibt die Leiterin der Schauspielschule Genzmer, Brigitte Östreicher, die Kriterien, nach denen Bewerber zweimal jährlich für Studienplätze in " Darstellender Kunst" ausgewählt werden. Seit 50 Jahren bildet die Schauspielschule im Haus der sogenannten " Kulturschmiede" in Wiesbaden-Freudenberg junge Bühnentalente aus. Dabei bemüht sie sich, der Maxime der Gründerin - der 1971 verstorbenen Wiesbadener Staatstheaterschauspielerin Hertha Genzmer -, " Persönlichkeiten zu fördern, die dem Leben und daher auch der Kunst des Theaters gewachsen" sind, treu zu bleiben.
Im Gegensatz zu den meisten anderen staatlich anerkannten Schauspielakademien in Deutschland müssen die Interessenten nämlich vor der Aufnahmeprüfung ein dreimonatiges Probesemester absolvieren. Die Dozenten können so besser beurteilen, wie lernfähig, lebenserfahren und kritikfähig Bewerber seien, sagt Östreicher, die die Schule seit zwölf Jahren leitet. " Narzißtische Selbstdarsteller können wir nicht gebrauchen." Eine Probezeit eröffne den angehenden Studenten zudem Einblicke in Unterrichtsmethoden und bietet Unerfahrenen die Möglichkeit, unter fachlicher Anleitung eine Vorsprechrolle einzustudieren.
Jeder der zwölf Dozenten für Ballett, Pantomime, Gesang, Rollenstudium, Sprecherziehung, Stimmbildung und Theatergeschichte arbeite nach den Methoden, die er für die beste halte: Die Schule fühle sich weder der klassischen Psychotechnik des Theatertheoretikers Konstantin Stanislawski oder des amerikanischen Regisseurs Lee Strasberg noch der Schauspiellehre Bertolt Brechts verpflichtet. Studenten sollten möglichst viele Methoden kennenlernen, um eine Technik zu entwickeln, die ihrer Persönlichkeit entspreche, erläutert Schauspieldozentin Verena Plümer. Dies sei eine gute Vorbereitung auf die Arbeit am Theater oder in der Filmindustrie, wo Schau-spieler auf unterschiedliche Arbeitsweisen wechselnder Regisseure eingehen müßten. Um den Praxisbezug sicherzustellen, unterstütze die Schule Gastengagements von Studenten an Bühnen der Region.
In ihrem Bemühen, den Schauspielschülern praktische Erfahrungen zu ermöglichen, geht die Schulleiterin mitunter auch ungewöhnliche Wege: Das Institut nehme regelmäßig am Katastrophentraining der Lufthansa teil. Hierbei übernähmen Schauspielschüler die Rolle traumatisierter Fluggäste oder Angehöriger, an den die Angestellten der Fluggesellschaft den Umgang mit Unfallgeschädigten trainierten.
Die von einem Förderverein getragene Schauspielschule finanziert sich durch Unterrichtsgebühren von monatlich 350 Euro sowie Zuschüsse des Landes und der Stadt. Durchschnittlich besuchen 20 Studenten zwischen 18 und 25 Jahren für mindestens sieben Semester das Institut: Neun junge Frauen und Männer sind zur Zeit an der Schauspielschule Genzmer eingeschrieben, neun weitere haben im Mai ihre Abschlußprüfung abgelegt. Am Samstag um 19 Uhr zeigen Schüler der Abschlußklasse anläßlich des 50. Jahrestags der Schauspielschule das Drama " Das Mißverständnis" von Albert Camus. Die Aufführung findet auf der Probebühne der Schauspielschule am Butterblumenweg 5 in Wiesbaden-Freudenberg statt. Von 15 Uhr an werden bei einer kleinen Feier außerdem Lesungen zum Thema Schauspiel sowie ein Video über die Arbeit des Instituts präsentiert.

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WIESBADENER TAGBLATT, 20. August 2002
Auch Talent zur Selbstkritik zählt
Schauspielschule Genzmer besteht 50 Jahre / Nachwuchs präsentiert sich am 31. August

von Eileen Stiller
50 Jahre rasselnde Degen, prächtige Kostüme und kraftvolle Stimmakrobatik - das sind 50 Jahre, in denen junge Talente unter professioneller Leitung für die Kunst des Schauspiels ausgebildet wurden. Mit Witta Pohl und Horst Jansson seien nur zwei ehemalige Schüler der Schauspielschule Genzmer genannt, die es auf der großen Bühne und im Fernsehen zu breiter Anerkennung gebracht haben.
Auch heute genügt ein kurzer Blick auf die Probebühne, um von dem Können der Talente zwischen 18 und 25 Jahren überzeugt zu sein. Unter Anleitung von 12 Dozenten arbeiten sie in der Regel sieben Semester auf das Prädikat der Bühnenreife hin, während sie außerhalb der Schulgeländes ihr Handwerk durch praktische Erfah-rungen vertiefen. So haben fast alle Schüler nebenbei Engagements bei den Staatstheatern in Wiesbaden und Mainz, oder sie übernehmen kleine Rollen im Filmgeschäft.
" Nachdem die Leute gastiert haben, kommen sie oft völlig verändert wieder. Sie sind motivierter, reicher an Erfahrung" , merkt Brigitte Östreicher, seit Ende der Achtziger Leiterin des Instituts, an. Neben Talent und Per-sönlichkeit zählt für sie bei Bewerbern vor allem die Bereitschaft, hart an sich selbst zu arbeiten. So vermittelt der Unterricht an ihrer Schule neben der gängigen Ausbildung in Stimme, Bewegung und Dramaturgie auch die Fähigkeit zu kritisieren und zu differenzieren.
Damit führt sie die Tradition der Schule im Sinne der Gründerin Hertha Genzmer weiter. Die 1971 gestorbene Schauspielerin widmete sich seit Gründung der Schule im Jahre 1952 ganz ihrem künstlerischen Nachwuchs. Eckhart von Naso sagte einst über den Geist der Schule: " Hier beschränkt sich die Pflege nicht allein auf die Ausbildung fachlicher Art. In gleicher Art wichtig ist für Hertha Genzmer die Pflege menschlicher Persönlich-keiten, die dem Leben und deshalb auch der Kunst des Theaters gewachsen sind."
Es sollte nicht lange dauern, da genoss die Schule bei Intendanten und Dramaturgen einen hohen Bekanntheitsgrad über die Grenzen Wiesbaden hinaus. Bei den Wiesbadenern selbst hält sich dies bis heute noch in Grenzen, war vor allem an den nur sporadisch stattfindenden Aufführungen der erarbeiteten Stücke liegt. Aber laut Östreicher ist es auch " nicht Hauptaufgabe der Schule, die Öffentlichkeit zu unterhalten, sondern junge Menschen für den professionellen Beruf auszubilden." Generell verirren sich nur wenige Besucher in das ehemalige Militärkasino auf dem Freudenberg, in dessen Räumen die Schauspielschule seit drei Jahren residiert. Neben einer kleinen Probebühne, die noch aus den Zeiten in der Adolfsallee stammt, und einem großen Saal stehen den Schülern ein Requisiten- und Aufenthaltsraum sowie   Büro- und Unterrichtszimmer zu Verfügung.
Finanziert wird das private Institut vom Kulturamt Wiesbaden und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Seit Mai 2001 genießt die Schule staatliche Anerkennung, wofür lange Zeit gekämpft werden musste.
Wer sich selbst von den Künsten der Nachwuchsschauspieler überzeugen möchte, der findet am 31. August ab 15 Uhr die Gelegenheit dazu. Dann nämlich lädt die Schule alle Interessierten ein zu einem Jubiläumsabend mit Lesungen, Videovorführungen - und sogar mit einem von den Absolventen einstudierten Stück aus der Feder von Albert Camus.

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Verlags-Gruppe Rhein-Main, 20.06.2002
Goethes Faust und Fechtunterricht
Berufsinformationstag an der Schauspielschule Genzmer / Jubiläum im September

Von JuLe-Mitarbeiter Henrik Düker
'Stellt euch vor, in der Mitte eures Körpers lodert ein dunkelrotes Feuer, und schenkt uns dann den schönsten Klang, den ihr habt." Mit diesen Worten von Schauspiellehrer Gottfried Herbe beginnt das Warming- up für die beiden Schauspielschülerinnen Janine Berendes und Sara Giovanetti. Und während der Proberaum der Wiesbadener Schauspielschule Genzmer im Nu erfüllt ist von den kräftigen Stimmen der jungen Frauen, rasseln draussen auf dem Hof die Degen beim Fechtunterricht.
Die Schauspielschule Genzmer hatte eingeladen zum Berufsinformationstag, und deshalb mussten Janine und Gina nicht nur ihr Aufwärmtraining am Nachmittag wiederholen, sondern ließen auch interessierte Schüler und Lehrer einen Blick hinter die Kulissen des Instituts werfen.
1952 wurde die Schauspielschule von Herta Genzmer geründet und bildet seitdem junge Menschen für den professionellen Beruf des Schauspielers aus. Fernsehstars wie Witta Pohl ('Diese Drombuschs" ) und Horst Jansson ('Der Bastian" ) standen hier einst schon auf der Probebühne.
Acht Schüler werden momentan von zwölf Dozenten in den Fächern Sprechausbildung, Körpertraining, Rollenstudium, Improvisation und Theorie ausgebildet. Die körperliche Ausbildung umfasst neben Ballett und Rhythmik auch Fechten und Phantomime, erklärt Thordis Howe, die seit Februar 1999 in Wiesbaden studiert. Weiterhin gebe es nach der Zwischenprüfung für die Schüler die Möglichkeit, durch kleinere Rollen an Theatern wie den Mainzer Kammerspielen oder dem Wiesbadener Staatstheater tiefer in die Praxis des Berufes einzutauchen.
Seit Mai 2001 ist die Schauspielschule Genzmer staatlich anerkannt und kann ihren Studenten somit auch einen staatlich anerkannten Abschluss bieten. Subventioniert wird die Privatschule vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kulturamt der Stadt Wiesbaden.
Die 15-jährige Elisa Luzius ist mit ihrer Mutter zum Berufsinformationstag gekommen und schaute sich die Arbeit in den unterschiedlichen Bereichen an. Sie möchte nun erstmal ein Praktikum an der Schauspielschule absolvieren und kann dabei auch auf die volle Unterstützung ihrer Mutter zählen, die den Beruf so 'schön spannend und abwechslungsreich" findet.
Auch Angelika Theiss, Lehrerin an der Schule Mosbacher Berg und Leiterin des Wahlpflichtfaches 'Darstellendes Spiel" , war begeistert vom Angebot der Schauspielschule. Sie möchte möglichst bald mit ihren Schülern wiederkommen und und sich die Arbeit der zukünftigen Schauspieler anschauen. Jungen Menschen den Umgang und Abbau von Aggressionen zu vermitteln, so Theiss, könne besonders im Kontext von Erfurt als Erziehungsaufgabe von immer grösserem Wert angesehen werden.
Silke Rothe, Theaterdramaturgin und Dozentin für Theatergeschichte, möchte deshalb auch andere interessierte Schülergruppen einladen, sich das Institut und seine Arbeitsweise einmal aus der Nähe anzuschauen.
Wer sich selbst von den Schauspielkünsten der Genzmer-Schüler überzeugen möchte, wird dazu am 31. August die Gelegenheit bekommen. Dann nämlich feiert die Schauspielschule Genzmer ihr 50-jähriges Bestehen mit der Aufführung des Stückes " Das Missverständnis" von Albert Camus.

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Verlags-Gruppe Rhein-Main, 04.07.2001
dpa
Genzmer-Schule anerkannt
Hessens Kunstministerin Ruth Wagner hat die private Schauspielschule Genzmer in Wiesbaden und die Frankfurter musical & stage Schule anerkannt. An beiden Schulen können damit staatliche Prüfungen abgelegt weren. Die Schulen bilden junge Menschen zu Schauspielern und Musicaldarstellern aus.
dpa

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Verlags-Gruppe Rhein-Main, 06.12.2000

Dumpfsinn quillt ihnen aus den Augen
Schüler der Schauspielschule Genzmer entdecken Fassbinders 'Katzelmacher" wieder

Von KURIER-Mitarbeiterin Shirin Sojitrawalla
Die Figuren auf der Bühne scheinen dem gemeinen Zeichenstift des Gerhard Haderer entsprungen: Der Dumpfsinn quillt ihnen aus den Augen. In behäbigen Gedanken und Schritten bewegen sie sich durch ihr tristes Leben, das immer schon so war, wie es ist. Und wehe, es passiert etwas Unvorhergesehenes, wie etwa die Ankunft des Griechen Jorgos, dem Fremdarbeiter, der in ihr kleines bayerisch-miefiges Dorf zieht. Dann werden sie zu Tieren.
'Katzelmacher" hat Rainer Werner Fassbinder sein 1968 uraufgeführtes Stück genannt, das nun von den Schülern der Schauspielschule Genzmer wiederentdeckt wurde. Regie führte die Leiterin der Schule, Brigitte Östreicher, unterstützt von Julia Prochnow und Svenja Aßmann. In kurzen prägnanten Szenen lernen wir die Dorfbewohner kennen. Den dicken, aber keineswegs gemütlichen Erich (Patrick Twinem), der später eine Bande gründen wird, um den Griechen zu verfolgen, seine Freundin Marie (Ariane Klüpfel in der für Fassbinder-Frauen typischen Rolle der Lasziv-Naiven), die ein Verhältnis mit dem Fremden anfängt und Paul, den von Björn Beckstedde als schmierig-blöden Dorfbewohner gespielten Deppen. Nicht zu vergessen Gunda (Andrea Dewell), die sich ebenso verklemmt wie beischlafwillig an dem Fremden rächt. Auch Franz (Sascha Stegner), der im Grunde nichts gegen den Griechen hat, wagt nicht, aufzumucken, wie all die anderen, die nur zusehen. Allein Elisabeth (Valerie Lecarte), die Arbeitgeberin von Jorgos, hebt sich ab, vom Mob.
Zu Anfang des Abends scheinen sie alle nicht über den Status der überzeichneten Karikaturen hinauszukommen. Da wirken dann die stumpfsinnigen Gesichter unfreiwillig komisch, in einem Stück, in dem es eigentlich nichts zu lachen gibt. Am wenigsten für Jorgos (Michael Schober), den Fremden. Doch die Rolle ist einen Tick zu amüsant angelegt, setzt zu sehr auf Pointe statt auf Persönlichkeit.
Im Laufe des Abends aber wendet sich das vordergründig vergnügliche Stück aus dem Herzen der Provinz in eine gewalttätig aufgeladene Hetzjagd. Ein Stück über den Fremdenhaß und damit 'brandaktuell" könnte man meinen, doch das Stück ist nur von scheinbarer Aktualität. Die einfachen Erklärungen, die Fassbinder in den sechziger Jahren, als die ersten Gastarbeiter in Deutschland heimisch wurden, für den Hass gefunden hat, wirken heute einigermaßen verniedlichend und taugen nicht als Ansatz einer Analyse von Rassismus und Ausländerhysterie. An dem engagierten und überwiegend überzeugendem Spiel der Schauspielschüler ändert das freilich nichts.
Nächste Vorstellungen am 6., 10. und 13. Dezember Beginn jeweils 19.30 Uhr.

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Leben im Zwischenzustand
Schauspielschule Genzmer führt " Mercedes" von Thomas Brasch auf 

jp. - Arbeit - Maß der Kraft -Dienst - Tätigkeit. Das Wort der Worte: Beruf. Von einer Zeit, der die Arbeit ausgeht, handelt Thomas Braschs Stück " Mercedes" , das die Schüler der traditionsreichen Wiesbadener Schauspielschule Genzmer jetzt auf dem Freudenberg aufführten.
Der Junge Sakko und das Mädchen Oi leben in einer Art Zwischenzustand mit unsicherer Zukunft. Beide, arbeitslos oder arbeitsfrei, vertreiben sich ihre " Freizeit" auf eigene Art:
Er zählt die vorbeifahrenden Autos der Marke Mercedes und träumt dabei von einem eigenen. Sie klaut in Saunas Kleider und Brieftaschen. Eine fremde Macht interessiert sich für deren " Innenleben" , ihre Gedanken und Gefühle. Deren Versuchsanordnungen bilden den eigentlichen Rahmen des Stückes, die für den Zuschauer aber nur indirekt erkennbar sind. Während der Versuchsreihe lernen sich die beiden immer besser kennen und es kommt zu teils witzigen, teils absurden Situationen.
Die jungen Schauspielschüler der gesamten Jahrgangsstufen der Schauspielschule haben sich an der Vorlage abgearbeitet: Das Dreipersonenstück wurde mit verteilten Einsätzen gespielt. Durch den ständigen Wechsel entstand eine zusätzliche Spannung in der Handlung. Das Bühnenbild war mit zwei Stühlen und einem mannshohen, länglichen Holzwürfel, der jenach Bedarf anders platziert wurde, sehr spärlich.
Durch die karge Umgebung wurden die Akteure in den Vordergrund gerückt. Die verschiedenen Akteurinnen der Oi hatten als gemeinsames Erkennungszeichen sehr bunte, fetzige T-Shirts und bildeten damit auch die einzigen Farbtupfer in einer Welt ohne realen Mercedes. Davon träumte einst bereits Janis Joplin in ihrem Song " Mercedes Benz" , der das Ende des Stückes bildete.


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Wiesbadener Kurier, 31.01.2000,

Blick in den verwundeten Schädel der Jugend
Schauspielschule Genzmer führte " Mercedes" von Thomas Brasch auf

" Lessness" nannte Samuel Beckett jenes Gefühl, das man im Deutschen mit " Losigkeit" übersetzen könnte. Das Leben als freier Fall. Der Schriftsteller Thomas Brasch versuchte genau dieses Gefühl in sein Stück " Mercedes" aufzunehmen. Es erzählt von der Haltlosigkeit, der Orientierungslosigkeit und der Hoffnungslosigkeit einer Generation, die nicht die seine ist. Es könnten die heute 20-Jährigen sein. Eine Generation, die die Regellosigkeit zur Regel erhebt, nicht freiwillig, sondern zwangsläufig. Martin Plass, freier Schauspieler und Dozent an der Schauspielschule Genzmer, hat das Stück nun Mit 22 Darstellern mit seinen Schauspielschülern und -schülerinnen inszeniert.
Eigentlich ist " Mercedes" ein Zwei-Personen-Stück. Doch Plass lässt gleich 22 Darsteller agieren. Das ist durchaus folgerichtig, handelt es sich bei den beiden Hauptfiguren doch um die Prototypen einer Generation: Oi, das flippige Mädchen mit Faible für die rauschhaften Augenblicke und Sakko, der arbeitslose Junge mit von Träumen verklebtem Kopf in der dünnen Luft.
In der Inszenierung von Martin Plass wird der Charakter einer Versuchsanordnung in den Umbauten deutlich. Jeweils zwei Darsteller bauen die Szenen um und drapieren Oi und Sakko in die unterschiedliche Szenerien. Oi und Sakko als Laborratten der Gesellschaft, die den Ernstfall, der sich Leben nennt, schon mal im Käfig testen. Dabei zeigt sich, dass Brasch der Jugend tief in den verwundeten Schädel schaut. Heraus kommt eine Generation, die schon längst keine Angst mehr hat und die lernen musste, dass keine Arbeit zu haben genauso traurig macht, wie eine zu haben.
Was die Schauspielschüler angesichts der minimalen Probenzeit von etwa zwei Wochen auf die Bühne bringen, ist durchaus beachtlich. Natürlich gibt es Unterschiede. Schließlich spielen Anfänger mit Abschlusskandidaten zusammen. Manch einem merkt man an, dass er nicht wirklich versteht, was er so schön auswendig gelernt hat. Andere jedoch drücken den Szenen ihre eigene Signatur auf. Michael Meyer und Marina Marusic präsentieren sich als gut eingespieltes Paar. Auch Nicole Krause, Nina Hecklau und Julia Becker sieht man gerne zu. Sehr schön dann das Schlussbild: Alle Darsteller stehen greinend und jammernd auf der Bühne. Eine irritierende Massenszene, die im Kopf bleibt.
Shirin Sojitrawalla

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Wiesbadener Kurier, 21.06.1999,

Ein Haus für Kunst und Pädagogik
Schauspielschule Genzmer feiert neues Domizil " Triptychon"
Von Baugerüsten und Dreck befreit, wurde am Wochenende das ehemalige Militärkasino Camp Pieri mit einem bunten Fest eröffnet: " Triptychon" nennt sich das Haus für Kunst und Pädagogik fortan. In dem langgezogenen Bau, in dem zuvor die " Kulturschmiede" zu finden war, sind einige neue Mieter eingezogen. So auch die Schauspielschule Genzmer, die früher in der Adolfsallee zu Hause war. Nach langen Verhandlungen wurde ihr das neue Domizil auf dem Freudenberg zugesprochen, was besonders auf Initiative des Kulturamts geschehen sei, wie die Leiterin der Schule, Brigitte Östreicher, erzählt.
In den schönen, neuen Räumen steht den 27 Schülern jetzt auch ein großer Saal mit Bühne zu Verfügung, der frühere Veranstaltungsort der " Kulturschmiede" . Doch Brigitte Östreicher möchte auch mit neuem Bühnensaal nicht mehr Veranstaltungen als früher anbieten: " Wir sind primär dafür da, junge Leute auszubilden" .
Am Wochenende, zur Einweihung des " Triptychons" , feierten die Schauspiel-Schüler mit Gesangsnummern, Pantomime und Schauspiel- Stückchen ihr neues Zuhause. Außer einer kleinen Probebühne stehen ihnen noch ein Requisiten- und ein Aufenthaltsraum sowie ein Büro- und Unterrichtszimmer zur Verfügung.
Außer der Schauspielschule sind in dem Gebäude mit der schönen Adresse Butterblumenweg 5 das " Arco-Forum" , ein Verein der Erlebnispädagogik, die Clowns Doktoren, das Tanzstudio Balance, ein Mimentheater, die Musikproduktion Kirsten & Schmidt und eine Musikwerkstatt untergebracht. Ferner haben einige Künstler dort ihr Atelier eröffnet.
Die dritte Sparte des Hauses gehört den Kindern. Unter dem Dach befindet sich die Montessori-Schule, und im Erdgeschoß und im 1. Obergeschoß ist das Kinderhaus Freudenberg zu finden. Das " Triptychon" - eine buntgemischte Wohngemeinschaft für Kinder und Kultur.
soj

 


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